„Hafen und Industrie brauchen ihren Platz“

Dieser Posten stand eigentlich nicht auf seinem Lebensplan: Wirtschafts- und damit auch Hafensenator in und für Hamburg. Der erfahrene Industrielenker Michael Westhagemann übernahm diese Aufgabe trotzdem im Herbst 2018 von Frank Horch, der aus sehr persönlichen Gründen sein Amt aufgab. Westhagemann hat einen vollen Terminplan und einen noch volleren Themenzettel. Unmittelbar vor einer Asienreise konnten die beiden DVV-Media-Publikationen THB und DVZ mit dem gebürtigen Westfalen sprechen.

THB: Herr Westhagemann, Sie sind seit knapp dreieinhalb Monaten Wirtschaftssenator. Wie fühlen Sie sich?

Michael Westhagemann: Noch gut (lacht). Aber mein Vorgänger Frank Horch hat mich schon gewarnt, dass man es beim Thema Verkehr eigentlich niemandem Recht machen kann. Nichtsdestotrotz hat er eine gute Grundlage gelegt und ich möchte die Debatte nun stärker in Richtung Mobilität lenken.

Welche Themen stehen bei Ihnen noch oben auf der Agenda?

Die Frage nach der Zukunft des Hamburger Hafens ist für mich absolut zentral. Mit dem Ja zur Fahrrinnenanpassung der Elbe haben wir eine gute Absprungbasis. Nun geht es darum zu erarbeiten, wie wir den Hafen weiterentwickeln können. Dabei ist nicht nur meine Behörde gefragt, sondern auch der Logistiksektor, die Industrie und die Umweltverbände. Denn ich mag es nicht, wenn der Eindruck entsteht, dass wir nicht gemeinsam unterwegs sind.

Wie können Sie sicherstellen, dass künftig alle gemeinsam an einem Strang ziehen?

Ein zentrales Instrument ist der von mir initiierte runde Tisch. Es ist ein Dialogprozess. Der erste fand im Dezember statt. Für den 20. März ist die nächste Zusammenkunft geplant. Dort werden wir konkret die Arbeitspakete definieren. Bevor wir dort zusammenkommen, fliege ich an diesem Samstag mit Hafenvertretern nach Asien. Denn mir ist es wichtig, noch einmal die Perspektive der Endkunden in Übersee zu erfahren. Ich möchte wissen, ob aus deren Sicht noch etwas bei der Hafenentwicklung zu beachten ist. Und auf der anderen Seite möchte ich den Reedern in Asien deutlich machen, dass wir den logistischen Aspekt einer schnellen Abfertigung nicht aus dem Auge verlieren. Beispiele dafür sind der Bau der Begegnungsbox in der Elbe in diesem Jahr, aber auch die Ertüchtigung von zwei Großschiffsliegeplätzen vor Finkenwerder und eine stärkere digitale Ausleuchtung der Elbe.

Diese Maßnahmen helfen insbesondere in der Diskussion mit den Containerlinienreedern. Ist der starre Blick auf den Container mittlerweile nicht zu eng gefasst?

Ich glaube, die reine Fokussierung auf den Seecontainer ist perspektivisch gesehen in der Tat zu eng gefasst. Es geht um den Gesamtumschlag. Dabei müssen wir auch Dinge wie die Seidenstraßenverbindung auf der Schiene bedenken. Daher habe ich das Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik in Bremen mit einer entsprechenden Analyse beauftragt, die uns im Sommer vorliegen wird. Es werden Ladungsströme und Potenziale für den Hamburger Hafen analysiert. Aus all diesen Aspekten können wir dann ein Gesamtbild für den Hamburger Hafen erstellen.

Das deutet darauf hin, dass Sie die Hinterlandanbindungen Hamburgs stärker in den Mittelpunkt rücken möchten.

Klar ist, dass wir mit der Hafenbahn eine sensationelle Schienenanbindung in Hamburg haben. Ich fürchte allerdings, dass wir das in der Vergangenheit nicht ausreichend in den Vordergrund gestellt haben. Das sollten wir ändern. Beim letzten Hamburg Summit habe ich damit schon begonnen und beispielsweise dem stellvertretenden chinesischen Ministerpräsidenten den Hinweis gegeben, dass wir auf der Schiene leistungsfähiger sind als die Kollegen in anderen Häfen und dass die Seidenstraße daher in Hamburg enden sollte.

Zahlreiche Straßen in Hamburg enden derzeit in einer Baustelle. Was planen Sie, um die zahlreichen Verkehrsbehinderungen zu lindern?

Wir haben ja gerade eine Drucksache verabschiedet, die 24 Erleichterungsmaßnahmen vorsieht. Sie sollen für ein besseres Baustellenmanagement und damit einen verbesserten Verkehrsfluss sorgen. Wir werden aber auch künftig nicht umhin kommen, einige neue Großbaustellen einzurichten. Konkret müssen wir auf den Hauptverkehrsachsen in den nächsten Jahren an 120 Stellen ran und noch einmal an 200 Stellen auf Nebenstraßen. Infrastruktur muss saniert und ertüchtigt werden. Daran führt kein Weg vorbei. Allerdings gilt es, stets die Effekte auf den gesamten Verkehrsfluss in Hamburg im Blick zu haben.

Stichwort Flächen: Dort blicken viele in Richtung Kleiner Grasbrook. Kann sich die Hafen- und Logistikwirtschaft darauf verlassen, dass dort alles so umgesetzt wird, wie versprochen?

Hafen und Industrie müssen sich entwickeln können. Das sage ich ganz deutlich. Bezogen auf den Kleinen Grasbrook wurde ein Letter of Intent unterzeichnet. Und dieser LOI hat Bestand. Den darf man nicht aufweichen. Denn Hafenwirtschaft und Industrie erwarten zu Recht, dass sich die Stadt an die darin verabredete Weise mit einer Mischnutzung hält.

Apropos Nutzung: Welche Vorstellungen haben Sie bezüglich der künftigen Ausgestaltung von Steinwerder Süd?

Wir müssen schauen, welche Wertschöpfungstiefe wir auf so einem Gelände erzielen können und entsprechend die Nutzung auswählen. Das ist vielschichtiger als es der Ideenwettbewerb vermittelt hat.

Worauf kommt es Ihnen an?

Ich versuche, gerade in bilateralen Gesprächen mit Unternehmensvertretern, aufzuzeigen was Hamburg als Industriestandort auszeichnet. Und da bin ich relativ schnell bei der starken logistischen Anbindung. Zweitens geht es um eine stabile, bezahlbare Energieversorgung als entscheidendem Zukunftsfaktor. Drittens darf man die Sektorenkopplung nicht aus dem Blick verlieren, gerade bezogen auf die erneuerbaren Energien. Da fragt mich dann erst einmal so mancher, was ich damit meine.

Und was meinen Sie damit?

Zum Beispiel, dass wir mit den erneuerbaren Energien Wasserstoff produzieren, der dann in der Industrie, aber eben auch im Mobilitätssektor genutzt werden könnte. Denn mit der Brennstoffzelle könnten wir beispielsweise gerade auch Lkw im Hafen antreiben.

Fürchten Sie nicht, dass der ein oder andere Hafenunternehmer und Spediteur den Eindruck gewinnt, dass Sie den Hamburger Hafen zu einem Testfeld für neue Treibstoffe machen möchten?

Die Logistikunternehmen haben nach meiner Wahrnehmung schon Interesse daran, sich gerade über dieses Themenfeld auszutauschen. Denn auch denen ist klar, dass sie nicht umhinkommen, künftig eine umweltfreundlichere Antriebsart zu nutzen, um die Emissionsvorgaben im Verkehrssektor zu erfüllen. Hinzu kommt, dass es beim Netzausbau nicht einfach wird, den in Norddeutschland erzeugten Windkraftstrom ausreichend nach Süden zu transportieren. Und daher müssen wir Verwendungspotenziale hier vor Ort erschließen.

Sehen Sie den Hamburger Hafen also künftig in erster Linie als Energie- und Industrie-Hub?

Am liebsten würde ich von einem Universalhafen sprechen, der auch die größte zusammenhängende Industriefläche in Deutschland hat. Und die Kernbotschaft muss sein, dass wir in Verbindung mit der hervorragenden logistischen Anbindung ein riesiges Potenzial haben. Und dann muss man einmal die Frage stellen, warum eine 3-D-Druck-Fabrik beispielsweise im Binnenland gebaut werden sollte, wo die logistische Anbindung bei weitem nicht so gut ist.

Sie möchten also den 3-D-Druck im Hamburger Hafen ansiedeln?

Ja, und durchaus in größerem Maße, beispielsweise um den Ersatzteilbedarf in vielen Bereichen zu decken. Ein riesiges Feld sehe ich im Schienenverkehr. Das ist Teil meiner klaren Vision, aus der wir dann auch eine Zukunftsstrategie für den Wirtschaftsstandort Hamburg ableiten sollten. Diese würde ich gern zur Jahresmitte vorstellen. Denn man muss den Menschen auch irgendwann einmal sagen, wohin die Reise geht.

Ist Teil dieser Wahrheit auch, dass man sich von dem Gedanken verabschieden muss, dass Hamburg beim Containerumschlag jemals wieder zu den Westhäfen Antwerpen und Rotterdam wird aufschließen können?

Das steht überhaupt nicht im Mittelpunkt meiner Überlegungen. Wir haben im Hamburger Hafen in allen Bereichen großes Potenzial. Im Rahmen unserer Strategie müssen wir uns auch mit Bremen und Niedersachsen austauschen und dann mit den Terminalbetreibern und anderen Akteuren ein gemeinsames Bild erarbeiten. Solche Gespräche müssen wir offen, vertraulich und ideologiefrei führen. Denn der Wettbewerbsdruck ist mittlerweile so groß, dass wir alte Gräben überspringen müssen. Das zeigt sich selbst in der Automobilindustrie, wo Daimler und BMW gerade vereinbart haben, bei Mobilitätsdienstleistungen zusammenzuarbeiten.

Sie haben die Sektorenkopplung, aber auch die Kooperation mit anderen Marktakteuren als entscheidende Elemente einer Zukunftsstrategie für den Hafen- und Logistikstandort Hamburg genannt. Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Die Digitalisierung hat einen wahnsinnig hohen Stellenwert, dabei allerdings nichts mit einer IT-Infrastruktur zu tun, sondern mit der Veränderung der Wertschöpfungsketten. Darauf müssen wir reagieren und entsprechend einen Digitalisierungsstrang für die Stadt entwickeln.

sr/EHA/bek

Michael Westhagemann (parteilos) wurde am 9. August 1957 im münsterländischen Beckum geboren. Am 1. November 2018 folgte er Frank Horch als Senator für Wirtschaft, Verkehr und Innovation der Freien und Hansestadt Hamburg nach. Der gelernte Starkstromelektriker und studierte Informatiker hatte verschiedene Leitungspositionen bei der Siemens AG inne. Zuletzt zeichnete er von 2003 bis 2017 als CEO für die Region Nord mit Sitz in Hamburg verantwortlich. Zudem war er lange Jahre Vorsitzender des Industrieverbands Hamburg und bis zu den Handelskammerwahlen im Frühjahr 2017 Vizepräsident der Handelskammer Hamburg.

Teilen
Drucken

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Nach oben