Kiels Ziel: Nachhaltigster Hafen Europas

Mit einem symbolischen Druck auf den Schalter ging die Anlage in Betrieb, Foto: Siemens/Ulrich Wirrwa

Stecker rein: Über diese Anlage bezieht die Color Line Strom, Foto: Wimber
Mit einem symbolischen Druck auf den Startknopf der ersten Landstromanlage im Kieler Seehafen ging die „Color Fantasy“ offiziell als erstes Schiff ans Netz.
Unter dem Applaus zahlreicher Funktionäre, Möglichmacher und der Presse weihten Daniel Günther, Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, Kiels Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer, Trond Kleivdal, Vorstandsvorsitzender der Color Line, sowie Seehafen-Chef Dr. Dirk Claus und Norbert Brackmann, Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, die gerade fertiggestellte Ladestation am vergangenen Donnerstag ein.
Es ist ein Meilenstein für Kiel, ein erster Schritt zu einem nachhaltigeren Hafen – da waren sich alle einig. Mit der Anlage am Norwegenkai gehen die Schiffe „Color Fantasy“ und „Color Magic“ nun auch in Kiel ans Stromnetz. Denn für die Vertreter der Reederei Color Line war der symbolische erste Anschluss schon fast ein alter Hut. Bereits seit 2011 schließen die Techniker die 75.156 BRZ vermessenden Schwesterschiffe in Oslo an die dortige Landstromanlage an.
Über 4,5 Megawatt (MW) maximale Anschlussleistung könnten die RoPax-Fähren im Hafen verfügen. Nach Aussagen von Roar Twerberg, Chefingenieur an Bord der „Color Fantasy“, benötigt das Schiff jedoch gar nicht so viel. Höchstens 2 bis 2,5 MW würden für die Stromversorgung an Bord gebraucht – je nach Wetter und Einsatz der Klimaanlagen. Ist der Stecker drin, kann der Diesel aus. Das ist gut für die Umwelt, für die Kieler und für die Akzeptanz der Häfen, resümierte Kämpfer.
Der Oberbürgermeister hat ehrgeizige Ziele. „Wir wollen der ökologischste und nachhaltigste Hafen Europas werden“, betonte er. Diesen Anspruch einzulösen, werde ein paar Jahre dauern. Dafür brauche die Stadt enge Kooperationen mit Reedern, einen Verbund der europäischen Häfen, mindestens aber der Häfen an Nord- und Ostsee. Zudem müssten sich die Akteure auch Gedanken über Hinterlandverkehre machen, meinte Kämpfer.
Einen wichtigen Schritt in Richtung nachhaltiger Hafen ist der Seehafen Kiel mit der Investition von 1,2 Millionen Euro und Fördermitteln vom Land jetzt gegangen – schließlich reduzieren sich Lärm und Ausstoß von Schadstoffen und Klimagasen während der Liegezeiten jetzt fast auf null.
Die Color Line sorgt selbst für den Einkauf ihres Stroms. Der Grund sind die Preise. „Das wollten wir selbst in der Hand haben“, erklärte Helge Otto Mathisen am Rande der Veranstaltung. In Norwegen lässt sich Ökostrom relativ günstig einkaufen. Nicht so in Deutschland. Deswegen schicken die Kieler Stadtwerke einen Strommix mit 50 Prozent Ökostrom in Richtung der Landstromanlage im Kieler Handelshafen. Für Mathisen besser als nichts: „Es ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, meinte er. Damit sich der Bezug von Strom aus regenerativen Quellen auch in Deutschland lohnt, müsste die Regierung die EEG-Umlage auf Landstrom reduzieren. Das betonte auch Kleival während der Feierstunde. „Mit einer geringeren EEG-Umlage würde die Nutzung dieser umweltfreundlichen Energiequelle noch attraktiver werden“, sagte er. Für Kleival wäre das ein deutliches Signal, denn: „Indem wir die Gütertransporte vom Land auf die See verlagern, reduzieren wir die Emissionen des Transportsektors.“ Und damit hat Seefracht Zukunft.
Auch der Seehafen Kiel hat ambitionierte Ziele. „Unser Ziel ist es, den Energiebedarf der Schiffe in unserem Hafen zu 60 Prozent mit Landstrom abzudecken – das heute sind die ersten 20 Prozent“, sagte Claus vor den geladenen Gästen während der Einweihung der Anlage am Norwegenkai. So will der Port of Kiel in den kommenden Jahren weitere 15 Millionen Euro in Landstrom investieren. Nächstes Jahr sollen der Ostsee- und der Schwedenkai mit Energie aus der Stromleitung versorgt werden. Diesen Strom wird der Seehafen dann selbst einkaufen. Geplant ist, 100-prozentigen Ökostrom zu beziehen. Denn, so haben schon einige Reeder verlauten lassen, auf sogenanntes Greenwashing, also ökologische Augenwischerei mit dem Bezug von ökologisch bedenklichem Strom, wollen sie sich ungern einlassen. acw