Klein, schön, schwierig: Bremen ist das Land der Widersprüche

Kaum hatten fleißige Helfer Bremen flächendeckend mit Wahlplakaten überzogen, blies Sturm "Niklas" sie wieder weg. Die Spitzenkandidaten, die lächelnd oder hanseatisch gesetzt von den Pappen gucken sollten, lagen zerfleddert im Dreck. Schlechtes Timing zum Start in den Bürgerschaftswahlkampf. Möglicherweise war das schon der größte Aufreger im Ringen um die Aufmerksamkeit der Wähler für den 10. Mai.

Viele Bremer lassen das Schaulaufen der Politiker alle vier Jahre über sich ergehen wie Sportmuffel Olympische Spiele. Was soll nach 70 Jahren SPD-Regierung kommen? Wenn die Bremer Abwechslung suchen und die Sozialdemokraten vor eine Herausforderung stellen wollen, wählen sie ihnen einfach einen neuen Koalitionspartner. Danach sieht es aber nicht aus. Grün wird wohl Juniorpartner im Senat von Bürgermeister Jens Böhrnsen bleiben.

Gibt es Themen, die im kleinsten Bundesland aufregen? Ja, die Bremer nörgeln ganz gerne. Sie meckern über Fahrradstraßen, die der grüne Verkehrssenator Joachim Lohse bauen lässt, und klagen über die Architektur neuer Gebäude. Echte Sorgen gibt es aber auch, denn Bremen ist ein Land extremer Gegensätze.

Es hat mit die meisten Millionäre und die meisten Arbeitslosen in Deutschland, das kleine Land ist einer der erfolgreichsten High-Tech-Standorte mit Spitzenforschung, Raumfahrt, Auto- und Flugzeugbau. Gleichzeitig belegt Bremen bei der Bildung hintere Plätze. Nirgendwo sind mehr Kinder arm. Kein Bundesland hat höhere Schulden pro Kopf. Selbst beim Wirtschaftswachstum verliert Bremen gerade den Anschluss.

Ungleiche Städte

Die meisten Menschen bringt das nicht aus der Ruhe. Sie lieben die beiden ungleichen Städte Bremen und Bremerhaven mit allen Schwächen. Sie sind stolz auch auf kleine Erfolge, Traditionen und ihren Bundesliga-Club Werder Bremen. Die Unabhängigkeit des auf dauernde Hilfe von außen angewiesenen Bundeslandes mit gerade einmal 650.000 Einwohnern gilt als unantastbar.

Der Präses der Handelskammer, Christoph Weiss, ärgert sich allerdings über Bremer Schlendrian. Bei Verschuldung, Armut und Bildung seien von der Politik falsche Prioritäten gesetzt worden, "wovor man konsequent die Augen verschließt beziehungsweise sich die Situation schönredet." Bildung sei das beste Mittel gegen Armut. "Hier hat die Politik krachend versagt", empört sich Weiss.

An der Weserpromenade Schlachte sitzt Daniel Günther in der Mittagssonne und liest. Es ist Mittagspause, er arbeitet in einer Spedition gleich um die Ecke. Die Schlachte mit Biergärten, Restaurants, Spielkasino und Promenade ist zu einer Art Sommerwohnzimmer der Stadt geworden. Wärmt die Sonne, wird es voll.

Bremisches Lebensgefühl

"Im Großen und Ganzen können wir zufrieden sein", sagt der 40-Jährige und formuliert damit so etwas wie die Essenz bremischen Lebensgefühls. Nie euphorisch, nie verzweifelt. Bremen hatte mit seinen Bürgermeistern immer viel Glück, meint Günther. "Ich mag seine geradlinige Art", sagt er über Amtsinhaber Böhrnsen.

Also kein Veränderungsbedarf? Das sieht wohl eine Mehrheit der Wähler so, nicht aber CDU-Spitzenkandidatin Elisabeth Motschmann. Sie kämpft tapfer auf ziemlich verlorenem Posten. Sie attackiert Böhrnsen, sagt gleichzeitig aber auch, sie möchte als Senatorin an seiner Seite regieren. Doch weder SPD noch Grüne wollen an ihrer derzeitigen Koalition etwas ändern.

In Sichtweite der Schlachte liegt das Weserstadion, in dem Werder Fußball spielt. Seit ein paar Jahren läuft es nur noch mäßig. Gerade zog der HSV geschlagen davon. Ein Sieg, der eine ganze Saison verschönern kann. Manchmal schauen Bremer mit einem unterschwelligen Minderwertigkeitskomplex in Richtung Hamburg. Nicht so beim Fußball, selbst wenn es schwierig wird. An der Weser setzt man auf Kontinuität und nicht auf kopflose Wechsel.

Herz der Stadt

Das nahe Viertel, durch das der Jubel nach Werder-Toren weht, ist das wahre Herz der Stadt. Hier lebt die Kneipenszene, hier entsteht und vergeht Kultur abseits von Kunsthalle und Konzerthaus. Das Viertel ist nett und gemütlich, laut und voller Leben, urbremisch und multikulti. Viele Bewohner kamen, um zu studieren oder für einen Job. Viele blieben jahrelang oder für immer. Man kennt sich und trifft sich immer wieder.

Das Viertel ist ein Städtchen in der Großstadt mit Nähe zur Natur. Die Weser und ihre Ufer bieten Platz zum Baden, Grillen, Skaten, Klönen und frei sein.

Weiter flussabwärts steht ein Einkaufszentrum an einem symbolhaften Ort. In Gröpelingen schlug einst das Herz des Bremer Schiffbaus. "Use Akschen" (Unsere Aktiengesellschaft) wurde die Werft AG Weser liebevoll genannt. Nichts erinnert mehr an die vielen Schiffe, die dort bis zur Schließung 1983 vom Stapel liefen.

Raumfahrt auf der Werft

Nach dem Schiffbau setzte Bremen erfolgreich auf Luft- und Raumfahrt. Auf dem Werftgelände entstand passend dazu das hochfliegende Freizeitprojekt Space Park und scheiterte krachend in einer Millionenpleite. Übrig blieb das Einkaufszentrum. Es war nicht der einzige Flop Bremer Ehrgeizes. Mit einem großen Musicaltheater lief die Stadt dem Trend hoffnungslos hinterher. Das Haus hält sich heute mit Konzerten und Veranstaltungen über Wasser.

An einem anderen historischen Ort läuft es besser. Wo einst in großen Hafenbecken Überseefrachter festmachten, um ihre Ladung zu löschen, entsteht ein ganz neuer Stadtteil mit Wohnen und Arbeiten direkt am Wasser. "Die Mischung macht es", sagt der Tourismus-Chef der Stadt, Peter Siemering. "Kunst, Kultur, Industriearchitektur neben modernen Wohngebäuden, Gastronomie, Kreativwirtschaft und noch viel urtümliches Hafenflair."

Erfolgreich ist die Wissenschaft in der Hansestadt. Hier hat der Senat groß investiert. Aus der linken Uni der 70er Jahre ist die einzige Exzellenzuniversität in Norddeutschland geworden. "Das ist ein starkes Pfund für innovative Unternehmen, die den Nachwuchs schon früh einbinden wollen", sagt Weiss. Warum er Unternehmen rät, einen Blick nach Bremen zu werfen? "Bremen hat den Rohstoff, ohne den es in der Zukunft nirgendwo laufen wird: junge Talente in den Hochschulen."

Attraktive Kultur

Hohes Niveau haben auch Kunst und Kultur in der Stadt. Breite und Qualität des Angebots machen die Attraktivität aus, ist der Direktor der Kunsthalle, Christoph Grunenberg, überzeugt. Das reiche von der Weserrenaissance bis zum expressionistischem Gesamtkunstwerk Böttcherstraße, von der Kunsthalle Bremen bis zur zeitgenössischen Kunst in der Weserburg und vom avantgardistischen Theater bis zur Deutschen Kammerphilharmonie. "Die Bremer Kulturszene ist im Wandel mit neuen Köpfen und vielen aufregenden Neuanfängen."

Wenn der Senat sein zum Welterbe gehörendes Rathaus verlässt, um die bremischen Häfen zu inspizieren, geht das nicht, ohne Niedersachsen zu betreten. Diese Zweiteilung eines Bundeslandes ist einmalig in Deutschland. Die Geschichte des Bremer Engagements an der Wesermündung ist lang und hat mit der schlechten Erreichbarkeit der Stadt für Schiffe auf dem Fluss zu tun.

Bremerhaven gilt seit dem Untergang von Industrie und Hochseefischerei als Armenhaus im Westen. Das stimmt zwar - die Statistik ist unbestechlich - trifft es aber doch nicht ganz. Bremerhaven hat sich mit großen Investitionen bereits ein ganzes Stück wieder hervorgekämpft.

Prunkstücke an der Weser

Wer im Zentrum der Stadt am Deich steht, sieht eine Sammlung von Prunkstücken. Auswandererhaus und Schifffahrtsmuseum haben einen guten Ruf, auch Klimahaus und Zoo am Meer ziehen viele Besucher an. Nicht weit entfernt arbeiten Hunderte Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Sie schicken den weltberühmten Forschungseisbrecher "Polarstern" auf Reisen ins Nordmeer und in die Antarktis.

Michaela Henze aus Clausthal-Zellerfeld im Harz ist zum ersten Mal in der Stadt. "Diese Ecke ist ganz hübsch, es gibt eine Menge zu sehen", lobt sie den Havenwelten genannten Bereich mit Museen, Hotel und Einkaufszentrum.

Caroline van den Bongardt hat gerade eine Studentengruppe durch den Hafen geführt und genießt einen Kaffee in der Sonne. "Ich komme gerne her. Für einen Tagesausflug ist Bremerhaven attraktiv", sagt die Frau aus dem niedersächsischen Ganderkesee. Die problembeladenen und armen Stadtteile abseits des Zentrums und des zur Restaurantmeile aufgewerteten alten Fischereihafens sieht kaum ein Tourist.

Hoffnung Offshore

Die hochfliegenden Hoffnungen auf einen Aufschwung in Bremerhaven durch die Offshore-Windenergie haben sich nur zum Teil erfüllt. Während es in anderen Häfen längst Schwerlastanlagen zum Verladen der riesigen Windmühlen gibt, wird in Bremen seit Jahren nur darüber geredet. Manchmal ist das kleinste Bundesland einfach spät dran.

Nicht so bei Containerumschlag und Autoverladung. An den Kajen brummt es rund um die Uhr. Die dicksten Pötte von allen Weltmeeren machen in Bremerhaven fest.

Unter Biertrinkern ist Beck's weltweit ein Begriff. Kinder auf allen Kontinenten kennen die Bremer Stadtmusikanten. Seit 1953 steht an der Nordseite des Rathauses die Bronzeskulptur von Gerhard Marcks. Wer mit seiner Hand über die glänzenden Hufe des Esels streicht, sichert sich Glück. "Mit ihrer Freiheitsliebe, ihrem Drang nach der großen weiten Welt und vor allem ihrem Zusammenhalt symbolisieren die Bremer Stadtmusikanten einige der wichtigsten Eigenschaften der Bremer", sagt Siemering. "Gemeinsam stark, lautet das Motto." Genau so sehen sich die Bremer. dpa

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