Nationalpark statt Hafen
Knapp 14.000 Hektar fast unberührtes Wattenmeer und drei Inseln vor Cuxhaven sind das perfekte Rückzugsgebiet für Gänse und andere bedrohte Vögel- und Tierarten. Seit nun 25 Jahren ist das Gebiet als Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer geschützt.
Am Samstag jährt sich die Anerkennung des Nationalparks als "Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung". Wo sich heute bedrohte Vögelarten, Insulaner und Touristen tummeln, sollte eigentlich ein Tiefwasserhafen mit Anschluss ans Festland und Industriegebiet entstehen. Anstelle der 17.300 Gänse, die dieses Jahr auf der Reise von Frankreich nach Sibirien im Nationalpark rasteten, sollten dort 5000 Menschen arbeiten.
Im Jahr 1961 tauschte Hamburg seine Gebiete und Rechte im Cuxhavener Hafen mit Niedersachsen gegen das heutige Naturschutzgebiet. Durch das Groß-Hamburg-Gesetz waren die Inseln dem Land Niedersachsen zugeschlagen worden. Bis dahin waren sie seit dem 15. Jahrhundert Teil der Hansestadt, die einen Leuchtturm auf Neuwerk errichtete, um die für den Handel wichtige Elbmündung zu kontrollieren.
Der Naturschutz spielte bei dem Tausch noch keine Rolle, berichtet Eckart Schrey, Vorsitzender des Vereins Jordsand, der das Naturschutzgebiet betreut: Auf Neuwerks Nachbarinsel Scharhörn sollte ein 6000 Hektar großer Tiefwasserhafen entstehen, um der Hansestadt einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Hafenstädten zu sichern. Damals befürchtete man, dass immer größere Frachtschiffe den Hamburger Hafen durch die Elbe nicht mehr anfahren könnten.
Ausgedehntes Hafengebiet
Scharhörn wäre dann heute nicht das "wahre Paradies" für bedrohte Vogelarten wie den Austernfischer, wie Eckhart Schrey es beschreibt, sondern ein künstlich aufgeschütteter Industriekomplex mit Stahlwerken und Ölraffinerien. Auch die Nachbarinsel Neuwerk, auf der rund 30 Menschen mitten im Naturschutzgebiet leben, sollte in die Hafenanlagen einbezogen werden.
Die Versorgung der Insulaner wäre durch den geplanten Anschluss ans Festland sicherlich einfacher geworden - noch heute wird alles außer Öl, und Trinkwasser mit dem Wattwagen auf die Insel gebracht. Mit der Idylle wäre es allerdings vorbei gewesen - und damit auch mit den vielen Touristen, die heute die Haupteinnahmequelle der Inselbewohner sind.
Bis zu 1000 Menschen kommen an guten Wochenenden mit dem Wattwagen oder per Schiff auf die idyllische Insel, erzählt einer der Kutscher. Neben dem historischen Leuchtturm gibt es ein Nationalparkhaus mit Museum und rund 370 Betten in Hotels, Herbergen und ehemaligen Ställen auf Neuwerk. Einige der Besucher bringen sogar ihre eigenen Pferde und Kutschen mit, um das Watt und die Nachbarinseln von Neuwerk zu erkunden. Sie wurden bereits 1939 als Vogelfreistätten ausgewiesen und werden bis heute nur von einem Vogelwart bewohnt.
Das wäre heute ganz anders, wäre der Tiefwasserhafen gebaut worden. Doch das Mammutprojekt verlief im Sande - nach rund 20 Jahren wurde es eingestellt. Wahrscheinlich war das Vorhaben einfach zu ambitioniert, vermutet Eckart Schrey. Er freut sich, dass sich vor Cuxhaven heute keine Hochseefrachter einen Tiefwasserhafen anfahren, sondern Gänse, Austernfischer, Wanderer und Reiter den Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer gemeinsam genießen. lno