Bärenmarkt in der Seeschifffahrt
Reeder in der Seeschifffahrt sehen sich aktuell besonders großem Druck ausgesetzt. Vor allem in der Dry-Bulk- und der Tankerfahrt sind die Fracht- und Charterraten weiter abgerutscht. Maßgeblich verantwortlich ist dafür der Ausbruch des Coronavirus.
Makler berichten, dass Quarantänemaßnahmen in der chinesischen Industrie und in den Häfen des Landes zunehmend Auswirkungen auf die Abfertigung der Schiffe und die Umschlagaktivität haben. Agenturberichten zufolge wurden Terminals in der nordchinesischen Provinz Hebei, in denen große Mengen Eisenerz und Stahl umgeschlagen werden, vergangene Woche gesperrt. Der Betrieb dort soll wegen der Nationalfeiertage aber ohnehin stark eingeschränkt sein. Aufgrund der Verlängerung der Frühlingsfest-Feiertagswoche in über 30 Provinzen Chinas ist davon auszugehen, dass es deutlich länger als üblich dauern wird, bis die saisonale Flaute im China-Geschäft überwunden ist.
Der Baltic Dry Index sackte vergangene Woche erneut um 70 auf 487 Punkte ab und bewegt sich damit Schritt für Schritt in Richtung des Allzeittiefs von Frühjahr 2016: Am 10. Februar des Jahres war der Index auf 290 Zähler gefallen.
Besonders in den oberen Bulker-Größenklassen lastet inzwischen ein massives Tonnageüberangebot auf dem Markt, besonders im asiatisch-pazifischen Raum. So fielen die Durchschnittsraten der Cape size- und Panamax-Frachter gegenüber der Vorwoche um je 17 Prozent auf nur noch 3973 US-Dollar pro Tag und 5163 Dollar pro Tag. Zu den Schwierigkeiten in China gesellen sich noch logistische Probleme im brasilianischen Eisenerzbergbau. Nach einem Bericht des norwegischen Schiffsmaklers Fearnleys sind die Erzverladungen des Bergbaugiganten Vale über die südbrasilianischen Häfen in den ersten Wochen um fast die Hälfte gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Eisenerz gilt als wichtigstes Frachtgut für die großen Capesize-Bulker.
Bei den kleineren Bulkern mit eigenem Ladegeschirr fielen die Rückgänge gemäßigter aus. Supramaxe und Handysize-Bulker verzeichneten Rückgänge von 3,5 Prozent und 8 Prozent auf 5764 und 5979 Dollar pro Tag. Im Pazifik liegen die Durchschnittswerte aber erheblich tiefer – vorausgesetzt die Schiffe finden überhaupt Beschäftigung. „Viele Frachter liegen ohne Ladung. Es gibt einfach kein Geschäft“, warnte ein deutscher Befrachtungsmakler. Für Rundreisen mit Anlieferung in Nordchina gingen Supramaxe teilweise für nur 2000 Dollar pro Tag aus dem Markt.
Auch am Rohöltankermarkt ist das Ratenniveau eingebrochen, wobei neben der Unsicherheit über die Entwicklung der Energienachfrage in China noch weitere Faktoren eine Rolle spielen. So ist der Ladungszustrom in Libyen und dem Irak aufgrund der innenpolitischen Lage stark gesunken. Zudem haben die USA die Sanktionen gegen eine Tankergesellschaft der chinesischen Staatsreederei Cosco aufgehoben. Dadurch kommen zahlreiche Supertanker ins internationale Geschäft zurück, was die Tonnageverfügbarkeit merklich erhöht. Die durchschnittlichen Spoteinnahmen der VLCC gaben im Wochenverlauf um rund ein Drittel auf 41.300 Dollar pro Tag nach. Die kleineren Aframaxe verschlechterten sich sogar um über 50 Prozent auf 27.400 Dollar pro Tag.
In der Containerschifffahrt hielten sich die Frachtraten vergangene Woche noch vergleichsweise gut. Der World Container Index blieb nahezu unverändert bei durchschnittlich 1733 Dollar pro FEU. Der Freightos Baltic Global Index sank leicht um 1,2 Prozent zur Vorwoche. Die Relation Fernost/Nordeuropa verzeichnete laut Freightos Baltic einen Preisrückgang von 4,6 Prozent auf durchschnittlich 1963 Dollar pro FEU. Der Preisinformationsdienst Platts warnte die Carrier, dass der Druck auf die Raten in Fernost in den kommenden Wochen je nach Entwicklung der Corona-Epidemie steigen werde. mph/ol/ger