Raten im Tankermarkt ziehen massiv an
Die Coronavirus-Pandemie und die daraus resultierenden Verwerfungen an den Finanz- und Rohstoffmärkten haben in der Schifffahrt vergangene Woche weiter für erhebliche Turbulenzen gesorgt.
Am Spotmarkt der Rohöltanker zogen die Fracht- und Charterraten so rasant an wie nie zuvor. Der Baltic Dirty Tanker Index verdoppelte sich binnen Wochenfrist auf 1434 Punkte. Die Nachfrage nach Schiffsraum hat infolge des Preiskampfs zwischen den Golfstaaten und Russland massiv zugenommen. Aktivster Charterer war zuletzt die saudische Staatsreederei Bahri, die vergangene Woche mindestens 21 Supertanker der VLCC-Klasse (310.000 tdw) vermutlich für Rohöllieferungen aus dem eigenen Land buchte. Insgesamt wurden Schiffsmaklern zufolge weltweit rund 60 VLCC gechartert – doppelt so viel wie normalerweise pro Woche.
Der Effekt auf die Frachtraten war beeindruckend. Am Freitag lagen die durchschnittlichen Spoteinnahmen der VLCC mit knapp 280.000 US-Dollar (USD) pro Tag fast achtmal so hoch wie eine Woche zuvor. Die Rally griff auch auf die anderen Tanker-Größenklassen über. Die Tageserträge der halb so großen Suezmaxe (160.000 tdw) vervierfachten sich auf über 117.000 USD/Tag. Die kleineren Aframaxe (105.000 tdw) verbesserten sich um 60 Prozent auf 41.100 USD/Tag.
Experten gehen davon aus, dass ein Großteil der zusätzlich gebuchten Rohöllieferungen direkt in die Tanklager wandert oder „schwimmend“ auf Schiffen gelagert wird. Denn die weltweite Nachfrage nach Rohöl könnte aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie unterschiedlichen Schätzungen zufolge dieses Jahr um 0,5 Prozent bis 1 Prozent fallen. Die Händler wollen sich aber den aktuellen Preisverfall bei Rohöl zunutze machen und die Ware zu höheren Preisen in der Zukunft weiterverkaufen. Die Terminpreiskurve für das schwarze Gold zeigt schließlich deutlich nach oben.
An den Trockenfracht- und Containermärkten rückt die Erholung angesichts der verschärften Quarantänemaßnahmen in Europa und den USA immer weiter in die Ferne. Der Baltic Dry Index für den Bulker-Spotmarkt verzeichnete vergangene Woche nur ein mageres Plus von 14 Punkten, wobei die erzielbaren Tagesraten vor allem für die ganz großen Schiffe noch weit unter Betriebskostenniveau liegen. Für die Containerschifffahrt rechnet die dänische Marktforschungsfirma Sea-Intelligence inzwischen mit einem Einbruch der Ladungsmengen um 10 Prozent beziehungsweise 17 Millionen TEU auf das Gesamtjahr gerechnet. Das wäre ein Rückgang in derselben Größenordnung wie im Krisenjahr 2009. Die Umsatzausfälle für die Carrier beliefen sich den Experten zufolge auf 17 Milliarden US-Dollar gegenüber dem Vorjahr.
Um die finanziellen Schäden in Grenzen zu halten, sind die Linien weiterhin bemüht, die Frachtraten für die noch laufenden Verkehre stabil zu halten. Das ist ihnen einschlägigen Indices zufolge auch vergangene Woche gelungen. Der Shanghai Index SCFI, der die Spotfrachten in 13 Fahrtgebieten ex Shanghai abbildet, legte dank anziehender Raten auf der Strecke nach Nordamerika sogar um 4,6 Prozent zu. mph/jpn/bek
