Schiffe noch schneller durch das Wüstenmeer

Es ist eine hoffnungsfrohe Nachricht für die Welt aus einer Region, die seit Jahren von politischen Unruhen und Kriegen heimgesucht wird: Am Donnerstag wird der Ergänzungsbau zum seit gut 150 Jahren bestehenden Suezkanal offiziell mit einem großen Staatsakt seiner Bestimmung übergeben.

Für die Weltschifffahrt bedeutet das auch eine Beschleunigung des Verkehrs durch den 193 Kilometer langen Kern-Kanal, der seit 1869 das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet. Denn dank des neu gegrabenen, wie ein Bypass wirkenden und gut 72 Kilometer par al lel zur Ur-Strecke verlaufenden Kanalstranges wird der Schiffsverkehr in beide Richtungen ermöglicht, womit sich die tägliche Verkehrskapazität von durchschnittlich 49 auf 97 Schiffe aller Art verdoppelt. Zur besseren Einordnung: 2014 befuhren den „alten“ Kanal 17.148 Schiffe nach 16.596 im Jahr zuvor. Der Löwenanteil entfiel dabei auf Containerfrachter mit 6129 Einheiten, dicht gefolgt von Tankern mit 4053 Einheiten (2013: 3594).

Der Suezkanal ist für Ägypten mehr als eine künstliche Wasserstraße. Er stellt für den ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi, der mit 5000 Ehrengästen die Freigabe feiern wird, ein Stück nationaler Identität dar. Und natürlich ist der Wasserstrang eine der wichtigsten Einnahmequellen des arabischen Landes, das eine immer größere Bevölkerung versorgen muss, die inzwischen rund 87 Millionen Menschen umfasst. Zum Verständnis: Um 1900 waren es noch gut zehn Millionen Menschen.

„Für das ägyptische Volk wird der neue Suezkanal Impulsgeber sein und sogar ein neues Gefühl von Stolz und Optimismus hervorrufen“, zeigte sich Admiral Mohab Mameesh, Chairman und Managing Director der Suez Canal Authority (SCA), vor einigen Wochen in einem Interview überzeugt. Er selbst spricht gar „von einem Geschenk an die Welt“. Die besondere nationale Bedeutung des Kanals zeigt sich auch daran, dass die Bausumme von umgerechnet rund 7,5 Milliarden Euro wurde durch Ägypten selbst gestemmt wird. Die Bevölkerung erhielt die Möglichkeit, Anteilsscheine zu erwerben, für die wiederum hohe Zins ausschüttungen durch die SCA garantiert werden. Das benötigte Kapital wurde so binnen weniger Tage gezeichnet. Und auch das wird künftig in den Geschichtsbüchern zu lesen sein: Zwischen der Entscheidung, den Kanal-Bypass zu schaffen, und der faktischen Umsetzung des Großvorhabens verstrich nur ein gutes Jahr. Dabei war die Bauzeit zunächst mit drei Jahren kalkuliert worden. Doch anders als vor 150 Jahren, als Zehntausende Arbeiter unter widrigsten Bedingungen unter dem französischen Diplomaten und Ingenieur Ferdinand de Lesseps die Kanaltrasse durch die Wüste trieben, stand den Bauunternehmen heute modernste Technik, allen voran zahlreiche Schwimmbagger, zur Verfügung, um die rund 210 Millionen Kubikmeter Sand aufzunehmen. Eine Sandmenge die ausreichen würde, um 200-mal das Volumen der Cheopspyramide zu füllen. Trotz des geballten Technikeinsatzes waren auf der Großbaustelle aber immer noch rund 41.000 Arbeiter damit beschäftigt, das Jahrhundertwerk zu vollenden (THB 17. Juni 2015).

Für die nach permanenter Optimierung lechzende Schifffahrtsindustrie kommt der neue Suezkanal genau zur rechten Zeit. Die weltweit drittgrößte Containerreederei CMA CGM bewertet die Inbetriebnahme des neuen Suezkanals als großes Ereignis. „Unsere Schiffe nutzen diese strategische Route, um den Hauptmärkten dieser Welt täglich zu dienen“, sagte Nicolas Sartini, Chef der Asien-Europa-Dienste bei CMA CGM, in Marseille. Um zu ergänzen: „Der Verkehr wird durch den neuen Kanal noch flüssiger und die Transitzeiten verkürzen sich, so dass wir unseren Kunden künftig einen verbesserten und verlässlicheren Service bieten können.“ Zum Verständnis: Im vergangenen Jahr fuhren Containerschiffe der Gruppe 637-mal durch den Kanal. Für das laufenden Jahr werden CMA-CGM-Schiffe rund 700-mal den neuen Kanal passieren.

Ähnlich wie die französische Großreederei urteilt auch die deutsche Schifffahrtsbranche. „Täglich durchfahren mehrere deutsche Handelsschiffe den Suezkanal“, stellt Ralf Nagel, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Verbandes Deutscher Reedern (VDR), fest. „Bisher mussten sie bis zu einem halben Tag warten, um den Kanal im Konvoi zu passieren. Die Erweiterung erleichtert die Durchfahrt, weil sich Schiffe nun begegnen können und die Wartezeiten entfallen.“

Die vergrößerte Wasserstraße wird, davon ist man bei der SCA überzeugt, für erhebliche Mehreinnahmen sorgen. Statt der für das laufende Jahr erwarteten 5,3 Milliarden US-Dollar werden es bis 2023 rund 13,2 Milliarden sein, lautet die Hochrechnung. Damit nicht genug: Die Regierung in Kairo ist fest entschlossen, die Wertschöpfung aus dem Kanalgeschehen selbst deutlich zu verbessern. Denn der neue Suezkanal bildet den Kern einer geplanten „Suez Canal Zone“. Dabei handelt es sich um die Vision eines Industriegebiets entlang der Wasserstraße. Dessen Entwicklung soll einem breiten Spektrum an Branchen dienen, wie Logistik, Schiffsreparatur und auch Produktion. Die Regierung in Kairo ist sich auch bewusst, dass sie den Kanal künftig noch intensiver überwachen und vor terroristischen Übergriffen schützen muss. Erst Anfang Juli konnte ein Anschlag vereitelt werden (THB 7. Juli 2015). EHA/dpa

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