Seeleute sitzen an Bord fest

Rund 100.000 Seeleute sind wegen der Corona-Krise aktuell an Bord internationaler Handelsschiffe wie gefangen und können nicht an Land gehen. Und das Problem wird von Tag zu Tag größer – denn um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen, haben viele Häfen rund um den Globus Einreisesperren erlassen, die teilweise eine mehrwöchige Quarantäne für alle Einreisenden bedeuten.

„Viele Seeleute müssen notgedrungen ihre Verträge verlängern, statt zu Familie und Freunden heimzukehren“, sagt Robert Hengster, zuständig für die maritime Wirtschaft bei der Gewerkschaft Verdi. Denn: Auch Flugverbindungen fehlen, ein Personaltausch im Ausland mit der Rückkehr in die Heimat ist nahezu unmöglich geworden. „Häfen sind für Seeleute auch so etwas wie eine Tankstelle; es gab die Möglichkeit zum Einkaufen von Dingen, die es an Bord nicht gab, und mit der Familie zu telefonieren.“ All das sei aktuell so gut wie unmöglich, in Hamburg etwa hat der Anlaufpunkt „Duckdalben“ längst geschlossen. Je länger die Situation anhält, desto größer wird die Zahl der Seeleute, die unfreiwillig an Bord sind.

Die Reeder in Deutschland sehen das Problem ähnlich. „Den Seeleuten gilt unsere Hauptsorge“, sagt Alfred Hartmann, Präsident des Verbandes Deutscher Reeder (VDR). „Die Männer und Frauen an Bord, denen es in dieser Zeit sicher besonders schwerfällt, fernab ihrer Familien zu sein, leisten gerade jetzt einen enorm wichtigen Dienst, für den wir alle sehr dankbar sein sollten.“ Er forderte Ausnahmen von den Einreiserestriktionen für Seeleute. Bislang habe es noch keinen bestätigten Fall einer Corona-Infektion an Bord eines Handelsschiffes in der deutschen Flotte gegeben.

Allein in deutschen Häfen werden jährlich fast 300 Millionen Tonnen Güter aller Art umgeschlagen. Die Schiffe bringen sowohl Grundstoffe für die Energieversorgung als auch Getreide und Futtermittel sowie Rohstoffe und vorproduzierte Teile für praktisch alle Industriezweige. Zudem wird ein Großteil der Konsumgüter per Schiff aus Asien importiert. „Sowohl in China als auch in Südkorea wurde nach dem Einlaufen von den Behörden bei allen Besatzungsmitgliedern die Temperatur gemessen“, berichtet Tobias Kammann, der Kapitän des 13.000-TEU-Containerschiffs „Essen Express“. „Zusätzlich wurden Fragen gestellt, wann man angemustert hat, ob man irgendwo an Land war und ob man Kontakt zu Infizierten hatte.“ Quarantänevorschriften in den Häfen seien so streng, als wenn ein Corona-Fall an Bord wäre, auch wenn das gar nicht der Fall ist.

Die International Chamber of Shipping (ICS) und die International Transport Workers’ Federation (ITF)haben sich an die Regierungen der G-20-Staaten gewandt, um das Problem auf die Tagesordnung zu setzen. „Die Crewwechsel können aus humanitären Gründen, aber auch aus Gründen der Sicherheit und des Arbeitsrechts nicht auf die lange Bank geschoben werden“, heißt es in dem Schreiben. Ablösung müsse zum Schiff kommen können, und allen Seeleuten, unabhängig von ihrer Nationalität, müsse unter Berücksichtigung der allgemeinen Sicherheitsstandards der Landgang ermöglicht werden. Auch, um den Seeleuten die ärztliche Versorgung in den Häfen zu ermöglichen.  tja/dpa

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