„Wir kämpfen nicht gegen den Hafen“
Antwerpens Hafen wächst. Das Dorf Doel muss deshalb weichen, nur noch wenige Bewohner harren aus. Sie leben mit der Gewissheit: Es ist bald vorbei.
Doel ist bereits von Hafenkränen umzingelt. Das Ende des Dorfes ist schon lange beschlossen. Rund 1000 Bewohner zählte einst der 400 Jahre alte Ort, inzwischen ist davon nur noch ein gutes Dutzend übrig.
Am pannengeplagten Atomkraftwerk, das den Namen Doel zuletzt immer wieder in die Medien gebracht hat, liegt das nicht. Es ist Antwerpens Hafen, flächenmäßig der größte Europas, der sich immer weiter ausdehnt. Eine gigantische neue Schleuse ist fast fertig, ein neues Dock für die Container-Riesen geplant. Die Hafenbehörde verspricht auf ihrer Homepage: Das bringt Arbeitsplätze.
„Wo die Wirtschaft Platz braucht, ist kein Raum für Menschen“, sagt Ronny Ael brecht, einer der wenigen, die bislang geblieben sind. „Das geht hier schon seit 30 Jahren so – 95 Prozent der Häuser gehören inzwischen der Hafengesellschaft.“ Ael brecht spricht ruhig, ohne Verbitterung in der Stimme. „Sie treiben sie raus, sie kaufen ihre Häuser, sie bieten ihnen bessere Jobs.“ Sie, das ist die Gesellschaft Linkes Scheldeufer, die den Ausbau des Hafens forciert.
Auch wenn die Protestbewegung „Doel 2020“ noch nicht aufgegeben hat – Ael brecht spricht von einem „toten Dorf“. Er selbst hat eine Farm, etwas außerhalb von Doel. Hier lagern Kulissen und Requisiten seines Wandertheaters. Auch sein Haus ist bereits verkauft. „Eines Tages werden sie kommen.“ Vielleicht morgen, vielleicht in einem Monat. „Dann sagen sie: ‚In drei Monaten musst du raus, dann ist Schluss‘.“ Ob er Angst vor dem hat, was kommt? Aelbrecht zuckt mit den Schultern. „Ich verhandle schon mit der Stadt. Mein Theater ist bekannt, da wird sich schon was finden.“
Das Schicksal des Dorfes lockt sowohl Untergangs-Touristen als auch Vandalen und Plünderer, die versuchen, nachts in die verlassenen Häuser einzusteigen. Wo noch keine Bretter die Öffnungen verdecken, ist das Glas zersplittert. Die Behörden täten nichts dagegen, schimpft Benjamin Vergauwen. „Mit all den zerstörten Häusern ist es viel einfacher, das Dorf abreißen zu lassen.“ Der 36-Jährige hat etwas außerhalb des Dorfes ein kleines Museum aufgebaut, hat Gegenstände aus Doel gesammelt, die daran erinnern sollen, wie es war, als hier noch Leben herrschte.
Wenn Doel dem Platzhunger des Hafens weichen muss, müsse der Hafenbetreiber anderswo Naturland schaffen, sagt Vergauwen. Auf diesem Gebiet stehe sein Museum. Ein neues Haus, ein Dorf weiter, hat er schon. Bleiben will er aber bis ganz zum Schluss. „Wir kämpfen nicht gegen den Hafen, weil wir nicht gewinnen werden. Aber wir bleiben positiv und tun kleine Dinge.“
Der Hafen Antwerpen mit einer Fläche von 150 Quadratkilometern lag 2015 mit einem Umschlag von 9,7 Millionen TEU hinter Rotterdam mit 12,2 Millionen TEU, aber vor Hamburg mit 8,8 Millionen TEU.
Der jetzt geplante Ausbau des Hafens Antwerpen betrifft das linke Schelde-Ufer, an dem auch das Dorf Doel liegt. In diesem Jahr soll die neue Deurganckdok-Schleuse eingeweiht werden. Sie wird 500 Meter lang, 68 Meter breit und fast 18 Meter tief sein. Sie wäre damit die größte Seeschleuse weltweit. fab/dpa/sr
