Cruise-Werften sind „dicht“

Gekonnte Zulieferer-Integration: So sah es noch am 6. April im Inneren der bei der Meyer Werft gebauten „Ovation of the Seas“ aus. Zwei Tage später wurde sie vorfristig abgeliefert, am Sonnabend nahm sie bereits mehre tausend Reisende in Southampton zur Jungfernreise an Bord, Foto: Arndt

Präsentierten die Cruise-Studie in Hamburg (v.l.): Thorsten Ludwig, Meinhard Geiken und Heino Bade, Foto: Arndt
Bei der Konstruktion und dem Bau von Kreuzfahrtschiffen haben europäische Werften im Allgemeinen und deutsche Schiffbauunternehmen im Besonderen weiterhin die Nase vorn – doch die Konkurrenz aus China steht bereits in den Startlöchern. So ließe sich der Tenor der neuen Marktanalyse „Kreuzschifffahrtbau – Deutsche Werften im globalen Wettbewerb“ auf den Punkt bringen. Der von der Gewerkschaft IG Metall bei der Agentur für Struktur- und Personalentwicklung GmbH (AgS), Bremen, in Auftrag gegebene Marktreport wurde am Freitag in Hamburg vorgestellt.
„Der Kreuzfahrtmarkt bleibt auch noch auf viele Jahre hin aus ein boomender Bereich“, bekräftigte Thorsten Ludwig, der mit der Erarbeitung der Marktanalyse befasste Projektleiter bei der AgS. Aktuell (Stichtag: 1. April 2016) stehen 55 Cruise-Liner mit zusammen 6,8 Millionen gross tons (gt) in den Orderbüchern aller Werften. Das Besondere daran: Gut ein Drittel dieser Aufträge konnten deutsche Werften akquirieren. Gerade einmal ein Kreuzfahrtschiff entstehe auf einer asiatischen Werft, nämlich bei der japanischen Mitsubishi-Werft. Zum Vergleich: Die Meyer Werft kommt mit ihren verschiedenen Standorten derzeit auf 19 Schiffe, während die inzwischen zur malaysischen Genting-Gruppe gehörende Bremerhavener Lloyd Werft drei Schiffe in ihren Orderbüchern stehen hat. Die auf Cruise-Liner ausgerichteten Werften seien bis um das Jahr 2020 her um ausgelastet.
Die weiterhin extrem schwache Präsenz Asiens im Cruise-Portfolio hat für Ludwig eine einfache Erklärung: „Ein Kreuzfahrtschiff zu bauen ist technisch einfach anspruchsvoller als einen Gastanker oder Containerfrachter zusammenzuschweißen.“ Extrem hohes Lehrgeld für diese Erkenntnis in Milliarden-Dollar-Höhe musste aktuell die renommierte japanische Großwerft Mitsubishi bezahlen, die zwei neue Luxusliner für AIDA Cruises gewinnen konnte.
Als potenzielle Mitbewerber der Europäer im Cruise-Segment sehen Ludwig und Meinhard Geiken, Bezirksleiter IG Metall Küste, mittelfristig Werften in China. Die Stärkung des Kreuzfahrtsektors im Reich der Mitte, und zwar sowohl im Schiffbau und dem dazugehörigen Zulieferbereich als auch bei den Häfen und in der Touristik, habe die chinesische Staatsführung inzwischen zu einem nationalen Ziel erhoben. Für 2030 werden in China rund acht Millionen Kreuzfahrtpassagiere erwartet. Zur Einordnung: 2015 machten 1,8 Millionen Deutsche eine Kreuzfahrt – ein neuer Rekord (THB 11. März 2016). Marktexperte Ludwig betonte, dass die Chinesen dabei nicht nur auf Schiffe zurückgreifen werden, die außerhalb des Landes entstehen, sondern die Entwicklung und den Bau auch im eigenen Land forcieren werden – wie es bereits mit anderen Schiffstypen erfolgt sei. Was Deutschlands Markt erfolg wesentlich ausmacht, sind für Geiken und Heino Bade,Bezirkssekretär IG Metall Küste, im Besonderen diese beiden Faktoren: das wertvolle Potenzial der gut ausgebildeten Facharbeiter, ergänzt um die entsprechende Schiffbauingenieur-Kompetenz sowie die innovative Zulieferindustrie. Bade: „Die Meyer Werft beispielsweise hat eine gewachsene Zuliefererstruktur, die bestens in den Entstehungsprozess jedes Kreuzfahrtschiffes integriert ist.“ Diese Integrationskompetenz sei der Schlüssel zum Erfolg.
So sehr Geiken und Bade die Übernahme der Lloyd-Werft-Gruppe durch Genting begrüßten und darin „eine große Chance“ sehen, so drängten beide doch dar auf, dass der neue Eigentümer konkret aufzeige, wie die ehrgeizigen Ziel im Kreuzfahrtsegment erreicht werden sollen. EHA
