„Mehr Geld für Infrastruktur“

Kommen und Gehen: Gerade in kleinen Häfen – wie hier in Alesund/Norwegen – sind Liegeplatzkapazitäten knapp bemessen. Die Branche wünscht sich daher mehr Investitionen in Hafenanlagen , Fotos: Arndt

Vereint: Gemeinschaftsstand der verschiedenen deutschen Kreuzfahrthäfen auf der Seatrade

P. Vago (CLIA), Foto: Arndt
Damit sich die ausgeprägten Wachstumserwartungen der internationalen Kreuzfahrtindustrie tatsächlich erfüllen können, ist es wichtig, dass die Häfen umfassend in leistungsstarke Liegeplatzkapazitäten sowie angegliederte landseitige Schiffsabfertigungsanlagen investieren.
Diese Forderung erhob Pierfrancesco Vago, Chairman des Branchenverbandes CLIA und Executive Chairman von MSC Cruises, am Mittwoch in Hamburg während der Auftaktkonferenz zur europäischen Kreuzfahrtleitmesse „Seatrade Europe“ vor mehreren 100 Teilnehmern. Diese Investitionsnotwendigkeit betrifft im Besonderen Europa, das sich zu den dynamischsten Kreuzfahrtmärkten weltweit entwickelt. Besonders starke Nachfrageimpulse gehen dabei vom deutschen Kreuzfahrtmarkt aus: 2014 machten knapp 1,8 Millionen Deutsche eine Seereise und verdrängten damit die Briten vom lange gehaltenen zweiten Platz in der internationalen Rangfolge. Den ersten Platz halten die USA. Für 2016 werden aus dem deutschen Markt sogar zwei Millionen Cruise-Reisende erwartet – und das ungeachtet der von der Branche bereits avisierten Preiserhöhungen, die sich für 2016 in der Größenordnung von gut zwei Prozent bewegen.
Der Italiener Vago warb dafür, dass die Häfen, zumal auch kleinere, noch viel besser erkennen müssen, welche Chancen für den lokalen Arbeitsmarkt und die regionale Wertschöpfung mit der Kreuzfahrt verbunden sind. Es sei ausdrückliches Bestreben der Cruise-Reedereien, neben den großen Häfen künftig vermehrt auch bislang eher unbekannte Standorte anzusteuern und sie damit zu zentralen Bestandteilen attraktiver und gut zu vermarktender Reiseangebote zu machen.
Neben den Hafeninvestitionen benötige die Kreuzfahrtindustrie gerade für den Wachstumsmarkt Europa auch ein beherztes Vorgehen beim Thema „Visumbestimmungen“. Vago kritisierte die EU-Kommission dafür, dass das aktuelle Visa-Regelwerk viel zu starr sei und sich gerade bei potenziellen Kunden aus Übersee, im Besonderen aus Asien, als große Hürde erweise. Mit anderen Worten: Asiaten nähmen deshalb von einer Kreuzfahrtreise in europäischen Gewässern Abstand, weil die Auflagen zur Erteilung eines Visums viel zu hoch seien. Statt nach Europa wichen sie dann nach Nordamerika aus.
Vagos Kritik fand Zustimmung unter den Teilnehmern einer hochkarätig besetzen Diskussionsrunde unter Leitung von Todd Benjamin. An diesem Expertengespräch nahmen neben Michael Thamm (CEO Cos ta Group) auch Karl J. Pojer (CEO Hapag-Lloyd Cruises), Wybcke Meier (CEO TUI Cruises GmbH), Dominic Paul von International Royal Caribbean, Manfredi Lefebvre d’Ovidio (Chairman Silversea Cruises), Gianni Onorato (CEO MSC Cruises) sowie David Dingle (Chairman Carnival UK und Vice-Chairman CLIA Europe) teil.
Dominic Paul nannte dazu diese Zahl zum Aspekt „verpasste Marktchancen“: Gut 20 Prozent der potenziellen Cruise-Kunden aus Asien für eine Seereise in europäischen Gewässern würden im Verlauf des Visum-Antragsverfahrens ihr ursprüngliches Reiseziel aufgeben und sich dann für eine Fahrt auf einem Schiff entscheiden, das in Gewässern Nordamerikas beziehungsweise der Karibik verkehrt. Fast eine Million zahlungskräftiger Kunden pro Jahr springt somit vorher ab und geht europäischen Anbietern verloren.
Aufmerksam und mit Sorge verfolgen die Kreuzfahrtreedereien die Auswirkungen der zahlreichen weltpolitischen Brennpunkte auf ihr Geschäft, wie sich im weiteren Verlauf der Diskussion zeigte. Viele bewährte und beliebte Zielhäfen zum Beispiel in Nordafrika würden aktuell gemieden, weil innenpolitische Instabilitäten dazu führten, dass in den Ländern beziehungsweise den Zielhäfen die Sicherheit von Passagieren, der Besatzung und des Schiffes nicht garantiert werden könnten. Paul: „Ja, auf eine gewisse Weise erfahren wir Einschränkungen in jahrelang attraktiven Destinationen. Auf der anderen Seite zeichnet sich gerade die Kreuzfahrtindustrie darin aus, dass sie sehr flexibel auf Veränderungen reagieren kann. Das im Gegensatz etwa zu den stationären Hotelanlagen in klassischen Reiseländern.“
Ein weiteres großes Branchenthema ist der Umweltschutz. David Dingle: „Natürlich beruht die Attraktivität der Kreuzfahrtindustrie auf sauberen Meeren und einer sauberen Luft.“ Kein gutes Haar ließ der Brite jedoch an den SECA-Bestimmungen, die für ihn ein Mus terbeispiel für ein inhaltlich schlecht abgestimmtes Regelwerk sind. Bei den Reedereien herrsche generell eine große Verunsicherung über die praktische Umsetzbarkeit. Michael Thamm, CEO der Costa Group, sah es etwas differenzierter: „Als Unternehmensgruppe haben wir uns rechtzeitig dafür entschieden, dass wir auch weiterhin Herr des Verfahrens sein wollen: Wir setzen daher für die Zukunft konsequent auf LNG als alternativen, sauberen Treibstoff.“ Die jüngsten Neubaubestellungen würden daher Schiffe mit einem reinen LNG-Antrieb sein. In dem Zusammenhang forderten die hochrangigen Branchenvertreter, dass in den verschiedenen Häfen das Regelwerk zum Umgang mit LNG unbedingt vereinheitlicht werden müsse, um einen „Fli ckenteppich“ (O-Ton Dingle) auszuschließen.
Auch die Abgabe von sogenanntem Grauwasser gehört zu den Maßnahmen für einen verbesserten Umweltschutz. Gerade in hochsensiblen Fahrtgebieten wie der Ostsee, zugleich eines der beliebtesten Reiseziele, stünden aktuell nur in drei Häfen Übergabemöglichkeiten für Grauwasser zur Verfügung, kritisierte Pierfrancesco Vago. „Und das angesichts von insgesamt 36 Häfen, die von den verschiedenen Reedereien regelmäßig in der Ostsee angelaufen werden.“ EHA
