Altlasten immer gefährlicher

Das sichere Aufspüren und professionelle Bergen von Munitionsaltlasten auf See und auch an Land wird mit jedem Jahr für die damit befassten Fachfirmen, die Behörden, aber auch Militärspezialisten ein Stück aufwändiger und gefahrvoller.

Das ist eine Erkenntnis aus dem Fachvortrag von Leif Nebel, Geschäftsführer der Hamburger Firma Eggers Kampfmittelbergung GmbH, den er am Dienstag in der Hansestadt hielt. Zu dem Referat hatten der Business Club Hamburg und das Maritime Cluster Norddeutschland (MCN) eingeladen.

Für die Kampfmittelentsorgungssparte der 1907 gegründeten, stark diversifizierten mittelständischen Firmengruppe sind aktuell mehr als 100 Mitarbeiter tätig. Innerhalb des inhabergeführten Firmenverbundes, zu dem auch die Bereiche Tiefbau, Entsorgung sowie Container und Transport gehören, arbeiten derzeit knapp 700 Beschäftigte.

Mit der Kampfmittelsondierung beziehungsweise -bergung hat sich das Unternehmen vor allem auf den norddeutschen Raum konzentriert. Wichtige Wirkungsfelder sind die Häfen und die Flachwasserzonen im Küstenvorfeld. „Aus dem Offshore-Segment haben wir uns inzwischen zurückgezogen“, sagte Nebel. Dieses Segment erfordere einen besonders ausgeprägten Technikeinsatz, zum Beispiel Schiffe mit entsprechender Krantechnik. Offshore-Einsätze, die im Zuge des Aufbaus von Windparks auf hoher See oder der Verlegung von Gaspipelines und Seekabeln erforderlich sind, werden heute vor allem durch die großen internationalen Spezialfirmen ausgeführt.

Doch auch vor der Haustür hat ein Unternehmen wie Eggers mehr als reichlich Arbeit – auch deshalb, weil eine intensive Bautätigkeit gerade in Norddeutschland besteht. Im Hamburger Hafen sind die Kampfmittelspezialisten der Firma Eggers im Dauereinsatz. Denn der während des Zweiten Weltkriegs fast vollständig zerstörte Hafen gilt auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende als weiterhin hoch belastet vor allem mit Bombenblindgängern. Das Tückische daran: Die zwar nicht detonierten, aber weiterhin hoch gefährlichen Weltkriegsbomben liegen oftmals auf Flächen, die bereits in den Nachkriegsjahren wieder bebaut wurden. So bargen die Eggers-Mitarbeiter beispielsweise auf dem Gelände des Containerterminal-Betreibers Euro gate als Vorbereitung auf verschiedene Baumaßnahmen diverse 2-Zentimter-Flak-Granaten, eine 10,5-Zentimeter-Flak-Granate, verschiedene Brandbomben oder auch eine 250-Pfund-Sprengbombe. Aufgrund des weichen Bodens liegen gerade die Bomben teilweise in Tiefen von bis zu sieben Metern. Doch auch in der Elbe beziehungsweise in den verschiedenen Hafenbecken finden sich immer wieder Altlasten. So sorgte im Januar dieses Jahres der Fund einer 1000-Kilo-Bombe im Harburger Binnenhafen für eine großräumige Sperrung und Evakuierung von Hunderten von Anwohnern. Dass die besondere Vorsicht gerechtfertigt ist, zeigen dem Kampfmittelfachmann Leif Nebel Vorfälle wie die Explosion einer Weltkriegsbombe beim Bau des JadeWeserPorts in Wilhelmshaven im September 2009. Hier hatte ein Schwimmbagger den Sprengkörper zunächst angesogen, so dass der Blindgänger detonierte. Die Explosionswucht beschädigte den Bagger schwer. Glücklicherweise wurde niemand getötet oder verletzt.

Ein anderer Einsatzbereich sind Uferzonen in Nord- und Ostsee. Nach verschiedenen Zufallsfunden von Munitionsteilen am Strand des Ostseebads Rerik in Mecklenburg-Vorpommern im Frühjahr 2014 durch Spaziergänger musste das Land eine im Wortsinne tiefgründige Munitionssondierung durchführen lassen. Weite Teile des Strandes wurden aus Sicherheitsgründen gesperrt. Nebel geht davon aus, dass in zahlreichen ufernahen Zonen von Nord- und Ostsee noch Altlasten liegen. Ein besonders tückischer Bestandteil von Altmunition sei dabei Phosphor, der zu lebensgefährlichen Brandverletzungen führen kann. Aufgrund seiner Einfärbung wird er durch Strandspaziergänger immer wieder mit Bernstein verwechselt. Durch ihr jahrzehntelanges Liegen im Salzwasser würden die Umhüllungen der Kampfmittel immer brüchiger, so dass die toxischen Bestandteile freigesetzt werden und damit eine wachsende Gefahr für Umwelt und Mensch darstellten.

Bei der eigentlichen Kampfmittelsondierung von Verdachtsflächen auf See und auch an Land sei gründliches Arbeiten das Gebot der Stunde, so Nebel. Dafür bediene man sich modernster Technik. Es komme darauf an, Abweichungen im Idealfall zentimetergenau zu ermitteln und so zu dokumentieren, dass gezielte, vertiefende Untersuchungen im Anschluss durchgeführt werden können. Das Unternehmen hat inzwischen eine Datenbank eingerichtet, die laufend mit neuen Ergebnissen bestückt wird.

Den Einsatz von Robotertechnik bei der eigentlichen Kampfmittelbergung hält Nebel nur begrenzt für realistisch. Da, wo ein Taucher einsatz zum Beispiel in Hafenbecken möglich sei, entscheide oftmals die Erfahrung des Tauchers und auch die bessere „Feinmotorik“ über den Erfolg. Ein anderes Bild biete sich bei der Kampfmittelsondierung und -bergung in Tiefwasserzonen, in denen ein Tauchereinsatz nicht mehr machbar ist.

So sehr es auch in Zukunft nicht an Arbeit mangelt: „Wir machen uns Sorgen um den qualifizierten Nachwuchs“, räumte Nebel ein. Die Bundeswehr, dank der in der Vergangenheit in mehr als 90 Prozent der Fälle neue, gut ausgebildete Mitarbeiter („Feuerwerker“) gewonnen wurden, falle im Prinzip aus. Nebel: „Aufgrund der vielen Auslandseinsätze in Regionen mit ausgeprägter Altmunitionsbelastung braucht die Bundeswehr jeden Spezialisten. Sie umwirbt inzwischen sogar all jene, die die Truppe nach Ablauf ihrer Dienstzeit verlassen haben.“ EHA

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