Einsatz wie im Lehrbuch gemeistert

Zufall spielt im Leben immer wieder eine Rolle: so auch im Fall der Havarie des Hamburger Traditionsseglers.

Denn zu denen, die das dramatische Geschehen aus erster Hand mitbekamen, gehörte auch THB-Redakteur Stefan Braun. Er ist seit 42 Jahren Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Stade, davon seit 22 Jahren als deren Sprecher. Hier ist sein Exklusivbericht zum Geschehen.

Am frühen Sonnabendnachmittag vor Pfingsten wurden die Freiwillige Feuerwehr Stade und die DLRG zunächst zu einem Einsatz auf der Elbe alarmiert. Das Stichwort war: „Segler auf Stack, Tonne 108“. Das Alarmstichwort fällt in diesem Teil eines Jahres des Öfteren. Meistens benötigen die auf Grund gelaufenen Skipper jedoch keine Hilfe, sondern kommen mit dem nächsten auflaufenden Wasser wieder frei. Es gehört zum Standardverfahren bei solchen bootsgestützten Einsätzen, stets zwei Boote auslaufend, auch aus Gründen der Eigensicherung.

Auch in diesem Fall erkannten die beiden erfahrenen Boots-Crews von Feuerwehr und DLRG, dass der in Bedrängnis geratene Skipper wieder selbst klarkommen würde. Also wieder auf Heimatkurs, dachten sich die Besatzungen. Doch es kam binnen Sekunden ganz anders.

Denn beim Blick auf den großen Elbstrom wurden die Rettungscrews Zeuge einer sich anbahnenden Kollision zwischen dem Hamburger Traditionssegler „Lotsenschoner No. 5 Elbe“ und dem rund 700 TEU-tragenden Container-Feeder „Astrosprinter“ (IMO 9349215). Alles Weitere war dann eine Sache von Sekunden. Der Segler wurde an der Backbordseite vom Feederschiff gerammt und blieb manövrierunfähig im Strom liegen. Umgehend nahmen die beiden Einsatzboote „Henry Köpcke“ (FF Stade) und „Kiek ut“ (DLRG) Kurs auf den Havaristen.

Als sie den Schoner erreichten und längsseits gingen, wurde ihnen zugerufen, dass sich insgesamt 43 Personen an Bord befinden, darunter mehrere Verletzte. Zudem drangen große Mengen Wasser ins Schiff, eine Folge des Zusammenpralls. Zwei Feuerwehrmänner, im Hauptberuf im Rettungsdienst tätig, wechselten umgehend auf den Segler, sichteten die Verletzten , sodass diese dann an die „Henry Köpcke“ übergeben werden konnte. Zeitgleich nahm „Kiek ut“ den Havaristen auf den Haken, um ihn nicht nur aus dem Hauptstrom zu ziehen, sondern um ihn in den flachen Mündungsbereich der Schwinge zu verschleppen.

Und auch an Land wurde sofort gehandelt, das heißt, die Einsatzleitung löste sofort einen Großalarm aus, in dessen Folge eine Vielzahl von weiteren Feuerwehr- und Rettungskräften zur Unfallstelle eilte. Auf dem Höhepunkt waren rund 150 Einsatzkräfte vor Ort. Direkt mit dem Eintreffen des Feuerwehrbootes im Schwinge-Arm wurden die acht Verletzten an die bereitstehenden RTW übergeben und so auf verschiedene Krankenhäuser verteilt. Auch die anderen Passagiere und Crewmitglieder konnten an Land gehen.

Für den Lotsenschoner war indes das Schicksal besiegelt. Trotz Pumpeneinsatzes war der Wassereinbruch so massiv, dass das Boot auf Kiel ging. Die Feuerwehren sicherten den Havaristen durch Stahltrossen, um ihn zu stabilisieren, denn auch der Schwinge-Arm ist der normalen Tide ausgesetzt. Weil bekannt war, dass größere Kraftstoffmengen an Bord waren, wurden Ölsperren ausgebracht.

Das alles spielte sich unterm Strich genommen binnen einer guten Dreiviertelstunde ab. Für die Rettungskräfte bleibt dieses Fazit: Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Spezialisten klappte wie im Lehrbuch. Das mit dem Unterschied, dass das Kapitel nicht die Überschrift trug: „Übung Wassereinbruch auf einem mit zahlreichen Passagieren besetzten Segelschiff“, sondern dass es hier knapp hieß: „Akute Lebensgefahr nach Schiffskollision, Havarist droht zu sinken.“ Es ist ein Unfall, über den die, die ihn erlebten und meisterten, noch lange sprechen werden. Keine Frage: Es war am Ende viel Glück im Spiel, dass es „nur“ bei einigen Verletzten und hohem Sachschaden blieb. Und es war auch mal wieder der Zufall, der dafür sorgte, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. SBR/EHA

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