Wenn’s am Golf wirklich brennen sollte …

Der US-Zerstörer „Bainbridge“ nahm die 21 Crewmitglieder der im Golf von Oman beschädigten „Kokuka Courageous“ an Bord, Foto: U.S. Navy/Mass Communication Specialist 3rd Class Jason Waite

„Erneuter Anschlag in der Straße von Hormus.“ So oder ähnlich lauteten die ersten Meldungen über die Attacken auf den unter deutschem Management stehenden, unter Panama-Flagge für japanische Interessen fahrenden Produktentanker „Kokuka Courageous“ (IMO 9568495) sowie den für norwegische Schifffahrtsinteressen fahrenden, 2016 gebauten Rohöltanker „Front Altair“ (IMO 9745902).
Das Ganze erfolgte nur wenige Wochen nach ähnlichen Anschlägen auf Tanker in dem Seegebiet, an dessen Gestaden Länder grenzen, zwischen denen es im Wortsinne „knistert“. Man könnte auch von einem explosiven Gemisch sprechen. Das Ganze wird noch dadurch verschärft, dass die Weltmacht USA unter der Trump-Regierung alles daran setzt, um den Iran über eine Vielzahl von Maßnahmen in die Zange zu nehmen.
Die Straße von Hormus, das ist eine der wichtigsten und zugleich für Störungen äußerst empfindlichen Lebensadern der Weltwirtschaft. Sie wird von Schiffen befahren, die große Mengen Rohöl, Gas und andere wichtige flüssige Rohstoffe für den Weltmarkt transportieren, auch für das rohstoffarme Industriespitzenland Deutschland. Gravierende Störungen in der Straße von Hormus treffen damit auf einen Schlag alle: die Indus triestaaten, die Schwellenländer und natürlich die vielen armen Entwicklungsländer.
Mit dem 13. Juni 2019 verbindet sich der Anschlag gleich auf die beiden genannten Tanker. Es ist ein Ereignis, das ausreicht, um innerhalb kürzester Zeit einen verheerenden Flächenbrand am „Perser“-Golf auszulösen, wie diese Region in Schifffahrtskreisen noch bis in die 1970er-Jahre hinein genannt wurde.
Auf beiden Schiffen arbeiteten zum Zeitpunkt der Angriffe rund 45 Seeleute, die nach den Attacken glücklicherweise alle ihre Schiffe verlassen konnten und anschließend von Marineschiffen der US Navy übernommen wurden. Bekannt ist, dass es als Folge des Anschlags auf dem norwegischen Tanker zu einem großen Brand kam, der nach und nach große Teile der Steuerbordseite erfasste.
Sehr schnell war gerade aus den USA heraus das zu hören: Die Attacken gehen auf den Iran zurück. Full Stopp. Und auch das war sehr schnell zu vernehmen: Beide Angriffe, so hieß es vor allem in den nicht immer durch militärische Sachkunde geprägten Agenturen, sollten „torpediert“ worden sein. Auch hier war dann schnell vom „Iran“ die Rede.
Es wäre jetzt mehr als unverantwortlich, sich am trockenen Schreibtisch im fernen Hamburg anzumaßen, die genauen Ursachen für diesen Anschlag auf den freien Seeverkehr zu präsentieren. Dazu sind ganz andere berufen: die USA, die diversen Geheimdienste der verschiedenen Länder, vielleicht die betroffenen Reedereien und weitere.
Und doch lohnt es sich, einmal einen etwas genaueren Blick auf die offiziell verbreiteten Fakten zu werfen und damit einfach mal in sich zu gehen. Der Reihe nach. Erstens: Die Angriffe trafen, so zeigen es jedenfalls alle im Netz und in den News verfügbaren Bilder, die Schiffe an der Steuerbordseite. Das ist, wenn man weiß, dass die Frachter den Golf in Richtung Asien verließen, in jedem Fall die dem Iran abgewandte Seite.
Zweitens: Dass die Attacken mit Torpedos ausgeführt worden sein sollen, wie hartnäckig dargestellt, ist für jemanden mit persönlicher Marine-Erfahrung indes nur schwer vorstellbar. Denn die tonnenschweren Waffenträger müssten dazu von noch größeren Plattformen aus abgefeuert werden. Wir reden also hier schnell über mindestens Schnellbootgröße. Fahrzeuge also, die sofort und schnell auf den Radarschirmen etwa von US-Kriegsschiffen beziehungsweise durch die permanente Luftraumüberwachung oder durch Satelliten in dem engen Seegebiet erkennbar gewesen wären. Zur Einordnung: Die inzwischen alle außer Dienst gestellten Schnellboote der Deutschen Marine der Klasse 143 waren knapp 58 Meter lang und acht Meter breit.
Drittens: In englischsprachigen Medien, etwa bei BBC, oder auch in Qualitätstageszeitungen wie dem englischen „The Guardian“ ist der Torpedo als Waffenträger hingegen eher beiläufig genannt. Dafür ist hier vor allem von Spezialminen als Waffe die Rede. Es sind Waffen, die im Übrigen auch für die Schäden an Tankern aus dem Mai dieses Jahres in diesem Seegebiet verantwortlich waren.
Die medial verfügbaren Schadensbilder von den beiden aktuellen Opfern untermauern aus der Ferne betrachtet diese Einschätzung, auch wenn die Seemine an sich ein hochgefährliches und in seiner Wirkung zerstörerisches Kampfmittel darstellt. Sie lässt sich auch mit sehr kleinen Fahrzeugen schnell bewegen und da platzieren, wo entsprechender Schiffsverkehr erwartet wird. Für Minen sprechen auch die Schadensbilder an den Tankern, bei denen gerade im Fall des norwegischen Schiffes größere Löcher erkennbar sind. Ein Torpedotreffer hinterlässt ein anderes Schadensbild, von potenziellen Opfern an Bord ganz zu schweigen.
Der Vorfall in der Straße von Hormus hat natürlich so etwas wie eine globale Schockwelle ausgelöst. Es gab heftige Reaktionen seitens der Staatengemeinschaft, die die Anschläge aufs Schärfste kritisierte, es gab die Kritik seitens der UNO, von den unterschiedlichen Verbänden etwa aus der Schifffahrt und die Ausschläge auf den Rohölmärkten. So zogen die Preise für das flüssige Gold binnen kürzester Zeit um mehr als vier Prozent an.
Und wie reagiert man in Deutschland auf das Geschehen „hinterm Horizont“? Das Ergebnis fällt, wie ich finde, denkbar schwach und ernüchternd aus. Ein saftloses Statement des ewig staatstragend in die Kameras blickenden Außenministers Heiko Maas (SPD), kein Wort der Kanzlerin, was in dieser Situation und für dieses Land angebracht wäre. Und dann noch das: die Hauptnachrichtensendung des Deutschen Fernsehens, die 20-Uhr-Tagesschau im „Ersten“, die täglich von fast 9,6 Millionen Menschen begleitet wird, mit einem Beitrag auf Platz vier und damit klar hinter dem Aufmacherbericht zur Gerichtsentscheidung über das zugegebenermaßen verabscheuungswürdige Kükenschreddern. Das stimmt mehr als nachdenklich. Denn das ist doch klar: Sollte die sicherheitspolitische Lage im Arabisch-Persischen Golf außer Kontrolle geraten und in konkreten kriegerischen Aktionen münden, dann bekommt ein Hochindustrieland wie Deutschland das mit voller Wucht direkt zu spüren, und zwar kurzfristig. In diesem Land gibt es weiterhin Millionen Menschen, die die „Ölkrise von 1973“ noch in bester Erinnerung haben.
Das politische Berlin, allen voran die Bundesregierung, aber auch die deutschen Medienverantwortlichen, ist mehr als gut beraten, sich dem dramatischen Geschehen am Golf mit höchster Aufmerksamkeit und mit klaren politischen Positionen zu widmen. Und sei es nur, um den in dem Gebiet an Bord von Hunderten von Schiffen arbeitenden Seeleuten aller Nationen moralisch den Rücken zu stärken.
Wie man es anders machen kann, das zeigen mal wieder unsere Nachbarn aus dem Inselreich Großbritannien. Die dortigen Medien behandelten das Thema „Anschläge in der Straße von Hormus“ dauerhaft auf Top-Plätzen. Es ist einfach so, dass die Briten auch dank ihrer in Jahrhunderten geprägten See-, Marine- und Handelserfahrung genau wissen, wie schnell eine fernab der eigenen Gestaden ausgelöste Schockwelle auch den Felsen in der Nordsee erreicht und das Leben dort beeinflusst. Man denke zum Beispiel an den Konflikt um die fernen Falkland-Inseln im Südatlantik 1982, der einen blutigen Konflikt zwischen England und Argentinien auslöste.
Die Briten haben eben das, was man dem im höchsten Maße von einem freien Seeverkehr abhängigen Deutschland nur dringend wünschen könnte: ein ausgeprägtes maritimes Bewusstsein und Gespür für Gefahren, die von See kommen. Etwas davon bekäme dem Zwei-Meeres-Staat Deutschland sicherlich sehr gut.
Ihre Meinung zum Kommentar an eckhard.arndt@thb.info
