Deutscher Kohle-Ausstieg trifft auch die ARA-Häfen

Seine Tage sind gezählt: Kiels Kohlekraftwerk soll voraussichtlich 2019 abgeschaltet werden. Ein Gaskraftwerk ist im Bau, Fotos: Arndt

Wichtiges Transportgut auch für den Verkehrsträger Binnenschiff: Kohle, hier auf dem Elbe-Seitenkanal
Der aus umweltpolitischen Gründen forcierte Ausstieg aus der Steinkohle bei der Energieerzeugung in Deutschland strahlt jetzt auch auf die großen Universalhäfen in den Niederlanden und in Belgien aus.
Das stellt der Verein der Kohlenimporteure (VDKi) in seiner jetzt in Hamburg vorgelegten Jahresbetrachtung 2017 zur Entwicklung des Weltkohlenmarkts fest. Verbands-Geschäftsführer Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia spricht von politischen „Widerständen“ in den großen Hafenstädten Amsterdam, Antwerpen und Rotterdam, denen sich zum Beispiel auch die darin verankerten Umschlagunternehmen sowie Hafenverwaltungen zunehmend ausgesetzt sehen. Wodopia konstatiert, dass innerhalb der beiden Nachbarländer „in einigen politischen Köpfen in den Rathäusern der Gedanke aufgekommen ist, man könne einen deutschen Kohleausstieg doch einfach dadurch regeln, dass man im Hafen keine Kohle mehr für Deutschland umschlägt“. Unterstützung bekommen diese politischen Strömungen dadurch, dass auch in den beiden Benelux-Staaten, deren große Universalhäfen eine historisch gewachsene, große Bedeutung für die deutschen Kohleimporte als Ganzes haben, der Widerstand gegen den Einsatz des fossilen Energieträgers bei der jeweiligen nationalen Stromerzeugung zunimmt. Dabei spielt auch hier der Umweltschutz eine entscheidende Rolle.
Der VDKi beobachtet diese Entwicklung indes nicht tatenlos, sondern hat inzwischen einen direkten Kontakt zu den Chefs der jeweiligen Hafenverwaltungen aufgenommen, um mit ihnen in einen „direkten Dialog“ einzutreten. Für den Interessenverband geht es auch darum, dass über politische Entscheidungsprozesse negativ auf den Freihandel eingewirkt werde. Für den VDKi muss aber sichergestellt bleiben, dass „die Entscheidung über den Einsatz von Energieträgern“ allein Sache der einzelnen Mitgliedstaaten sei und das Deutschland „auch im Rahmen der Energiewende auf den Einsatz von Steinkohlekraftwerken angewiesen ist“.
VDKi-Chef Wodopia ist zufrieden, dass diese Gesprächsfäden in den ARA-Häfen Rotterdam und Amsterdam inzwischen aufgenommen wurden. Der Verbandschef weiter: „Mittlerweile haben wir aus beiden Städten konstruktive Signale erhalten.“ So habe beispielsweise der CEO des Hafenbetriebs Rotterdam, Allard Castelein, dem VDKi mitgeteilt, „dass er unsere Einschätzung voll teilt und der Rotterdamer Hafen in seiner langfristigen Vertragsgestaltung frei von Weisungen der Stadt ist. Somit kann Steinkohleverstromung weiterhin langfristig in Rotterdam umgeschlagen werden“.
Nicht ganz so leicht gestalte sich alledings die Lage für Casteleins‘ Kollegen, Koen Overtoom, in Amsterdam. Overtoom leitet seit Ende 2016 die Geschicke der Hafenverwaltung in der niederländischen Haupstadt. Ein Hafen, der, unterstützt aus dem lokalen Stadtparlament, einen klaren „grünen“ Kurs verfolgt. Immerhin: Havenbedrijf Amsterdam-Chef Overtoom sei trotz seiner „etwas komplexeren Situation“ umgehend „auf unser Gesprächsangebot eingegangen“, stellt der Verband zufrieden fest. Der VDKi ist jedenfalls entschlossen, „jede Form der Hilfe anzubieten, um den politisch Handelnden in den Niederlanden die Bedeutung die Steinkohle für die deutsche Energiewende zu erläutern“. Man hoffe, dass von diesen Anstrengungen auch die VDKi-Mitglieder in den betreffenden Häfen profitieren werden. Zu diesem Kreis gehören vor allem Umschlagbetriebe.
In Deutschland gingen die Kohleimporte 2017 zurück. Der VDki schätzt, dass in der Summe der Einfuhren von Steinkohle um zehn Prozent oder rund sechs Millionen Tonnen auf gut 51,2 Millionen Tonnen zurückging. Die stärkste Abnahme vollzog sich dabei bei den sogenannten Kesselkohlen. Darin wird die Kohleart zusammengefasst, die für die Kraftwerke zwecks der Strom- und Wärmegewinnung verbraucht wird. Der Rückgang beträgt gut 15 Prozent oder sieben Millionen Tonnen auf gut 36 Millionen Tonnen im Berichtsjahr. Der Beitrag der Steinkohle an der deutschen Bruttostromerzeugung ging 2017 um 17 Prozent oder drei Prozentpunkte zurück. Er liegt damit 2017 „erstmals unter der Stromerzeugung aus Windenergie“.
Die Einfuhren von Kokskohlen legten vor allem als Folge einer guten Auslastung der deutschen Stahlkocher im Berichtszeitraum um 0,6 Millionen Tonnen auf 12,9 Millionen Tonnen zu. An reinen Koks wurden im Berichtsjahr 2,3 Millionen Tonnen eingeführt nach gut zwei Millionen Tonnen ein Jahr zuvor.
Zu den wichtigen Kohlelieferanten für Deutschland gehörten 2017 Russland, Kolumbien und die USA.
Während in Deutschland die Kohle als fossiler Energieträger unter Druck steht, präsentiert sich auf Weltniveau ein ganz anderes Bild. Danach legte der Welthandel mit Steinkohle 2017 um 1,5 Prozent auf 1,14 Milliarden Tonnen zu. Die globale Steinkohleförderung wuchs in dem Jahr sogar um zwei Prozent auf 6,9 Milliarden Tonnen. Nach einem Rückgang 2016 haben sich damit sowohl die Förderung als auch der Welthandel mit Kohlen wieder erhöht, stellt der VDKi fest. Und weiter: „Allein die seewärtigen Ausfuhren der Vereinigten Staaten von Amerika sind um 30 Millionen Tonnen beziehungsweise 60 Prozent gestiegen.“ Zuwächse beim Seehandel gab es auch in Russland und in Südafrika, und zwar um jeweils sieben. Zum Gesamtbild gehört dabei auch, dass ein klassisches Kohleförderland wie Südafrika, das einst ein wichtiger Lieferant für Europa war, sich mit seinen Lieferströmen inzwischen „ganz überwiegend“ auf asiatische Länder ausgerichtet hat.
Der Anstieg des Steinkohlewelthandels ist nach Aufschlüsselung durch den VDKi vor allem auf die wachsende Nachfrage in den Asean-Staaten zurückzuführen. In diesen Ländern wachse das verarbeitende Gewerbe stetig. Der Bau moderner Steinkohlenkraftwerke und eine wachsende Stahlproduktion lösten zudem eine zusätzliche Nachfrage nach Koks- und Kesselkohle aus, so der Verband weiter: „Das Entwicklungsmodell dieser Länder ist wie das der Volksrepublik China auf Steinkohle basiert und wird sich erst mit zeitlicher Verzögerung auch auf erneuerbare Energieträger stützen.“
Für den Branchenverband sind diese Entwicklungen ein weiterer Beleg für die von ihm vertretene Einschätzung, wonach bei weitem nicht über den sogenannten „peak coal“ gesprochen werden könne, also den „Wendepunkt“ beim weltweiten Kohleverbrauch. Verbandsgeschäftsführer Wodopia geht beim globalen Kohleverbrauch eher von einem „Hochplateau“ aus, das man nun erreicht habe. Und auch das bestätigt der VDKi erneut: Einen bestimmenden Einfluss auf die Entwicklung des Weltkohlemarktes, vor allem auch bei den Preisen, hat weiterhin China. EHA
