Digitalisierung fordert Reeder

Könnte mit der forcierten Einführung von 3D-Druck-Produktion einen größeren Stellenwert bekommen: die Bulkschifffahrt, Foto: Arndt

H. Vöpel, Foto: Arndt

Engagierte Studien-Gruppe (v.l.): Jörn Quitzau, Henning Vöpel und Philipp Wünschmann, Foto: Arndt
Die in allen Bereichen fortschreitende Digitalisierung wird auch die Zukunft der Schifffahrt und der Seehafenverkehrswirtschaft entscheidend bestimmen.
Die Veränderungen betreffen sowohl die Strukturen und Geschäftsmodelle der Branche als auch die Produktion insgesamt. So lautet ein Ergebnis aus einer am Dienstag bei der Berenberg-Bank in Hamburg vorgestellten Studie. Ihr Titel: „Die Schifffahrt in Zeiten des digitalen Wandels“. Die 32 Seiten starke Ausarbeitung entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Hamburger Weltwirtwirtschaftsinstitut (HWWI), dessen Direktor, Prof. Dr. Henning Vöpel, das Werk gemeinsam mit Dr. Jörn Quitzau, Volkswirt bei Berenberg, sowie dem Schifffahrtsexperten der Bank, Philipp Wünschmann, präsentierte.
Die Schifffahrt werde durch eine viel stärkere Integration der einzelnen Geschäftsmodelle hin zu übergeordneten Logistikplattformen gekennzeichnet sein, betonte Quitzau.
Er wies zugleich darauf hin, dass die neue Studie Teil einer Dokumentationsreihe sei, innerhalb der auf mögliche Trends bis zum Jahr 2030 eingegangen wird. In der Rangfolge ist es die 25. Studie. Eine Ausarbeitung, die sich ausschließlich mit Schifffahrtsaspekten beschäftigte, erschien am 23. Oktober 2006 unter dem Titel „Maritime Wirtschaft und Transportlogistik“.
Quitzau und Vöpel betonten, dass die neuen technologischen Entwicklungen, Daten massenhaft aufzubereiten und über Algorithmen intelligent zu verknüpfen, eine völlig neue Qualität in der Kommunikation und der Vernetzung erlaubten. „Die Möglichkeit, dezentral auftretende Informationen auf einer digitalen Plattform zu zentralisieren, schafft erhebliches Potenzial, Märkte effizient zu organisieren“, führte HWWI- Chef Vöpel aus. „Dabei schieben sich große Plattformen zwischen Anbieter und Nachfrager und koordinieren deren Pläne.“
Es sei zu erwarten, dass es weltweit nur einige wenige Anbieter von Logistik plattformen geben wird, in die auch die Schifffahrt als „Teilleistung einer 360-Grad-Lösung“ viel stärker integriert sein wird. „Kleinere Anbieter, Intermediäre und Zwischenlieferanten dürften erheblich unter Druck geraten“, so Vöpel weiter.
Logistik besser steuern
Eine große Chance für die Schifffahrt liegt nach Überzeugung Quitzaus in der Vernetzung von Schiffen und Häfen. Das erfordere auf beiden Seiten eine Nachrüstung von leistungsfähiger digitaler Infrastruktur und betreffe die Versorgung mit Glasfaserkabeln und dem Mobilfunkstandard G5, außerdem die flächendeckende Nutzung von Sensoren und Satelliten. Und weiter: „Die Schifffahrt vernetzt sich über den Austausch von Daten und digitalen Plattformen zu einem komplexen technologischen System“.
Logistikketten könnten damit in Echtzeit deutlich besser gesteuert und organisiert werden, Wartezeiten verringert und Schiffsankünfte zuverlässiger vorhergesagt werden.
Insgesamt biete die „erhöhte Konnektivität perspektivisch die Möglichkeit einer unbemannten Schifffahrt. Die sich hieraus ergebenden ökonomischen Vorteile dürften jedoch im Vergleich zu den verbesserten Logistikketten, schnelleren Routen und transparenteren Informationen eher gering sein.“
Berenberg-Schifffahrtschef Philipp Wünschmann erwartet „die“ unbemannte Schifffahrt jedoch erst in fernerer Zukunft. Sehr wohl würden Reedereien, nicht zuletzt durch vermehrten Technik- einsatz, zusehen, zum Beispiel den Umfang von Besatzungen weiter zu reduzieren. So dürften in den kommenden Jahren die bereits bei zahlreichen namhaften Reedereien geschaffenen oder im Aufbau befindlichen „Fleet Operation Center“ (FOC) die in See stehenden Einheiten dank digitaler Technologien noch enger an die Landorganisation binden.
Handelsflotte im Wandel
Der Digitalisierungsprozess werde auch in die globalen Produktionsabläufe eingreifen, hoben HWWI-Chef Vöpel und Berenberg-Volkswirt Quitzau hervor. So würden in der Produktion vor allem die 3D-Druck-Technologie und die Evolution der Smart Factory, der Autonomisierung der Prozesse durch Algorithmen und Roboter, erhebliche Strukturveränderungen verursachen. Als Folge dürfte es zu einer stärkeren Dezentralisierung der Produktion kommen, und das habe auch direkte Auswirkungen auf die Welthandelsflotte. Vöpel dazu: „Die Bulkerkapazitäten werden überproportional steigen“. Denn Massengutschiffe würden beispielsweise die Basisstoffe transportieren, die für das sogenannte 3D-Drucken benötigt werden. Allerdings: Die Containerschifffahrt bleibt weiterhin bedeutsam, beruhigte Vöpel. „Wir erwarten, dass der Welthandel langfristig auf einem stabilen Wachstumspfad bleiben wird, allerdings gehört die lange geltende Daumenregel ‚Der internationale Handel wächst doppelt so schnell wie das globale Sozialprodukt‘ der Vergangenheit an“, ergänzte Wünschmann.
Vor dem Hintergrund der geplanten Strukturveränderungen im Herzen des Hamburger Hafens, („Steinwerder“), rät der HWWI-Chef dem Hamburger Senat, aber auch der Hafenwirtschaft und Industrie dazu, die freien Flächen auch für die verstärkte Ansiedlung von Produktionseinrichtungen bereitzustellen, die auf die digital-gestützte 3D-Druck-Technologie setzen.
Zudem sollte sich Hamburg auch offen für die Ansiedlung von Unternehmen zeigen, deren Geschäftsmodell sich am Marktriesen Amazon orientiert. Vöpel spielte damit auf das Interesse des chinesischen Unternehmens Alibaba an. Das Vorhaben sorgte im Sommer 2017 für einige Aufregung in der Hansestadt.
An der aus Sicht des Senats und der Hafenwirtschaft unverzichtbaren Elbvertiefung sollte ungeachtet möglicher Strukturveränderungen weiter festgehalten werden, meinte HWWI-Chef Vöpel. Denn die weiterhin dominierende Containerschifffahrt benötige diese Vertiefung. Allerdings stelle die Fahrrinnenanpassung kein Allheilmittel im internationalen Wettbewerb dar, bekräftigte Vöpel. EHA/fab