Erst der Luftverkehr, dann der Seeverkehr?
Nichts ist mehr so, wie es noch zu Jahresbeginn schien: Eine Weltengemeinschaft, die, Klimaschutz hin und her, mehrheitlich an weiteres, dauerhaftes Wachstum glaubte, durchlebt traumatische Wochen und Monate.
Das Coronavirus, zunächst weit entfernt, in einer großen Provinz in China, und nur zwei Monate später mitten in Europa. Inzwischen sogar weltweit unterwegs. Heute leben die rund sieben Milliarden Menschen in der bitteren Erkenntnis, dass als Folge von Covid-19 die Welt anders aussehen wird.
Zwei wichtige Verkehrsträger – das Schiff und das Flugzeug –, die bislang Träger und wesentliche Mitgestalter der Globalisierung der Industrieproduktion, des Handels und schließlich des physischen Transports waren, bekommen indes mit großer Brutalität das zu spüren, was jeder Luftverkehrs-, Speditions- oder auch Schifffahrtskaufmann/-frau lernt: „Es kann nur das transportiert werden, was vorher produziert wurde und was damit für einen Handel zur Verfügung steht.“
Covid-19 hat binnen weniger Wochen, wenn man so will, ganze Arbeit geleistet in dem Land, das nicht nur der bevölkerungsreichste Staat der Welt, sondern das auch die „Werkbank der Welt“ ist: China. Mit dem Ausbruch der Seuche viele 1000 Kilometer weit von Europa entfernt und einer De-facto-Totalabriegelung einer Provinz mit rund 60 Millionen Menschen – praktisch so viele Einwohner wie Italien – wurde die Produktion zunächst unterbrochen, dann umfassend eingestellt und schließlich nichts für den Handel bereitgestellt. Die Weltgemeinschaft erfährt diese Zäsur an einem Artikel im Cent-Wert: Gesichtsmasken.
Dass darüber hinaus auch noch viele andere Produkte fehlen, darf natürlich nicht ausgeblendet werden: wichtige Basisstoffe für die Medikamentenherstellung, Bauteile für die Auto-Branche oder Hochleistungs-Elektronik und vieles mehr. Die gewaltigen Ladungsmengen fehlen beziehungsweise werden inzwischen nur schubweise für den Transport bereitgestellt.
Als Verkehrsträger, dessen Hauptleistungsmerkmal die Geschwindigkeit ist – entscheidend gerade für den interkontinentalen Güterverkehr –, bekommen die Airlines seit Wochen die Folgen von Covid-19 mit der vollen Härte zu spüren. Die Flugzeuge bleiben zu Tausenden auf den Pisten und damit auch auf dem Boden der Tatsachen.
Luftfracht findet zwar weiterhin statt, doch im stark reduzierten Umfang und zudem für jene Erzeugnisse, die derzeit dringendst nachgefragt werden: Schutzbekleidung aller Art, vor allem Gesichtsmasken. Ganze Charter-Flüge werden mit diesen Gütern derzeit erledigt. Der Seetransport dauerte zu lange.
Und noch eine Meldung sollte auch die Vertreter der maritimen Wirtschaft aufhorchen lassen: Eine Reihe der Airlines, die auf die ganz großen Flugzeugmuster gesetzt haben, etwa der Riesen-Airbus A 380, stellen jetzt die Weichen für den Ausstieg aus diesem „Flugschiff“, dem einst eine goldene Zukunft vorausgesagt war. Bleiben wir bei der Lufthansa: Ihre Flotte umfasst aktuell 14 Einheiten, die „auf unbestimmte Zeit“ nicht mehr abheben sollen. Ein Einstieg in den Ausstieg ist damit eingeleitet. Ähnliches planen andere Carrier. Immerhin: Der Airbus-Konzern hat schon lange vor Covid-19, nämlich im Frühjahr 2019, die Produktionseinstellung für den Flugriesen verkündet. 251 Bestellungen lagen bis jetzt vor, 242 Maschinen wurden ausgeliefert. Vom Riesenairbus zum XXL-Container-Frachter mit 20.000 TEU ist es damit – zumindest gedanklich – nur ein kurzer Schritt. Die ketzerische Frage lautet: Wann wird hier der Ausstieg aus der „XXL“-Dimension verkündet? Wann trifft die Reedereiverkehrswirtschaft, zumal die Containerschifffahrt, die Covid-Krise mit voller Wucht? Tatsache ist: Die großen Reedereien haben inzwischen ihre wachsende Not, die vor allem im Europa-Asien-Verkehr eingesetzten Frachter zu befüllen.
Die Containerfrachter fahren nur teilabgeladen zwischen Asien und Europa und vice versa. Ob und wann sie jemals wieder „voll“ unterwegs sind, das kann derzeit keiner sagen. Denn im Kielwasser dieser nur teilausgelasteten Flotten fährt bereits etwas anderes mit: die Diskussion um den Ausstieg aus der Globalisierung. Also die Zeitrechnung „nach Corona“, sagen wir also „n. C.“. Ökonomen und Politiker verwenden an dieser Stelle schon „vor Corona“ (v. C.) den Begriff der „De-Globalisierung“.
Mit der von der Weltgemeinschaft als Meteoriteneinschlag erlebten Corona-Erschütterung wird dieses Ausstiegsdenken einen kräftigen Schub erleben, dessen darf man sicher sein. Großes wird klein, Kleines wird wieder groß. Nur eine Fantasterei? Covid-19 zeigt in brutaler Weise das, was ein großer japanischer Automobilkonzern einst zum Werbeslogan erhob: „Nichts ist unmöglich.“ Man ist geneigt, zu ergänzen: „Corona.“ EHA
