Glaubwürdigkeit ist mehr als „nur“ ein Wort
In der Rubrik "Kielwasser" wirft die THB-Redaktion einen Blick zurück auf die vergangene Woche. Es geht dabei um Meinung, Einordnung und Kursbestimmung. Heute im Fokus: Die Kreuzfahrtbranche.
Es sind Sätze wie diese aus dem Werbeanschreiben eines Anbieters von Kreuzfahrtreisen, die noch bis vor wenigen Monaten ihre stimulierende Wirkung nicht verfehlten:
„Einmal Koffer packen, auspacken, einräumen und überall zu Hause fühlen! Verstauen Sie das gesamte Gepäck auf Ihrer Kabine und machen Sie sich keinerlei Gedanken über den weiteren Transport, denn für die Dauer einer Weltreise sind Sie an Bord des Schiffes zu Hause.“ Klingt gut, klingt überzeugend und einladend. 2,2 Millionen Deutsche ließen sich 2019 von Sätzen wie diesen für eine Reise auf einem modernen Kreuzfahrtschiff gewinnen. Weltweit waren es um die 30 Millionen Seereisende.
Der deutsche Markt gehört laut Branchenverband Clia inzwischen zu den wichtigsten der Welt. Zwar gelten deutsche „Seh-Fahrer“ als anspruchsvoll, doch ihnen wird auch eine besondere Treue nachgesagt. Die Anzahl der „Repeater“, also der Wiederholer von Kreuzfahrten ist groß. Doch nicht nur beim Reisepublikum 50-plus konnten die Kreuzfahrtreeder gerade auf dem deutschen Markt in den zurückliegenden 15 Jahren kräftig punkten. Auch Familien mit Kindern wurden von den Vorzügen einer Seereise überzeugt. Spaß zur See, das war lange das Erfolgsrezept.
Und dann kam das Coronavirus. Was zunächst eine „Landthematik“ schien , sprang mit einem Mal vom Land aufs Schiff, genauer gesagt: auf Kreuzfahrtschiffe. Eingeschleppt an Bord über infizierte Reisende. Was folgte, war das: Schiffe unter Quarantäne, und dann das: Todesfälle an Bord. Eine über Jahre hinweg erfolgsverwöhnte Branche geriet unter Druck und schwieg zunächst.
Von einem Branchen-Weltverband namens Clia war zu lange nichts ausreichend Klarstellendes zu vernehmen. Eher, so die Wahrnehmung des Chronisten, inhaltsschwache Erklärungen. In den zurückliegenden Tagen folgte eine Schreckensmeldung von Bord und auf hoher See auf die andere. Die Situation heute: Eine in Hochglanzbroschüren veredelte Branche wird von Volllast auf Nulllast geführt. Und das heißt: Die Flotten werden in die Häfen gezogen, Personal muss reduziert werden und vieles, vieles mehr. Wiederaufnahme des Regelbetriebs? Achselzucken. Gefühlt nicht vor Mai, vielleicht auch später. Und dann?
Die Branche steht vor einem emotionalen Scherbenhaufen: Das Vertrauen der Verbraucher in das unbeschwerte Leben auf einem Luxusschiff dürfte bei vielen erschüttert sein. Erst recht bei jenen, die für sich die Kreuzfahrt erst entdecken wollten. Jeder Passagier, der jetzt sicher die Heimat erreichte, wird eine Geschichte mitbringen. Besonders dann, wenn es an Bord Covid-19-Fälle gab.
Was heißt das alles nun für die Cruise-Branche? Es geht im Kern um ein großes Wort: Es geht um „Glaubwürdigkeit“. Sie muss als gemeinschaftlicher Kraftakt der Cruise-Industrie wiederhergestellt werden. Das klingt einfach, ist aber eine riesige Aufgabe, die Jahre in Anspruch nehmen und die zudem auch viel Geld kosten dürfte.
Zur Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit gehören unter anderem diese Aspekte: eine Gesundheitsüberprüfung, die den Namen auch verdient. Die Reedereien und die Schiffsführungen müssen künftig entschlossener darauf achten, dass die bestehenden Bord-Hygienevorschriften wirklich eingehalten werden, notfalls mit Sanktionen. Und es müssen auch technische Anpassungen vorgenommen werden, etwa an der ganzen Klimatechnik an Bord, für sich genommen schon hochkomplex. Auch das gehört dazu: Endlich muss es eine proaktive und transparente Öffentlichkeitsarbeit der Reedereien und auch eines Branchenverbandes Clia geben. Nicht weichspülen, sondern auch Probleme klar ansprechen. Es geht um viel. Es geht um Glaubwürdigkeit. Und es geht um das große Versprechen aus dem eingangs herangezogenen Werbeanschreiben: „Reisen Sie einfach, schnell und komfortabel.“ Ein Satz fehlt jetzt noch: „Und sicher.“ EHA
