Marine: Großreinschiff bei Traditionsnamen

Erster Gruß: Die wichtige „Tirpitzmole“ während einer Kieler Woche. Sie soll künftig „Brandtaucher“-Mole heißen , Foto: Arndt

In wenigen Monaten wahrscheinlich nur noch Altmetall: Das Schild mit der Aufschrift „Scheermole“ im Kieler Marinestützpunkt, Foto: Arndt
Für die Deutsche Marine zeichnet sich so etwas wie ein „Bildersturm“ beim Umgang mit Namen und auch dem Traditionserbe ab. Aktuell richtet er sich dabei auf den Traditions-Marinestützpunkt in Kiel, fokussiert auf die Ostsee, und in Wilhelmshaven, ausgerichtet auf die Nordsee.
Kiel belegt in der aktuellen Rangfolge des Stützpunktnetzes zwar nicht mehr den 1. Platz, doch der Ostseehafen gewinnt vor dem Hintergrund der sehr offensiven Militärstrategie Russlands mit Blick auf die „Baltic Sea“ wieder an geostrategischer Bedeutung. Zudem gilt Kiel aufgrund seiner sehr guten technischen Ausstattung und seiner Einstufung als „Tiefwasserhafen“ als besonders geeignet für die logistische Begleitung auch von größeren Flotten-Verbänden etwa im Nato-Verbund.
Mit Abstand wichtigster deutscher Marinestützpunkt ist aber Wilhelmshaven, dessen Entstehungsgeschichte besonders eng mit der Entwicklung Deutschlands zu einer „Seemacht“ verbunden ist. Heute befinden sich die sogenannten „Dickschiffe“, also die Fregatten, aber auch die Logistik-Sparte, sprich das „Trossgeschwader“, in Wilhelmshaven.
Als Konsequenz aus der inzwischen bereits erfolgten Anpassung des sogenannten Traditionserlasses für die Bundeswehr will nun die Marine im laufenden Jahr in den beiden Kern-Stützpunkten die Namen von Straßen, Kaiabschnitten und Molen oder Hafenteilen einer kritischen Würdigung unterziehen. Was bedeutet: Da, wo Experten eine „historische Belastung“ eines Namens feststellen, soll dieser gestrichen und durch eine neue Bezeichnung ersetzt werden.
Für Kiel wäre dieser Einschnitt besonders gravierend: Denn der bis heute gültige Name „Tirpitzhafen“ würde ebenso dem Rotstrich zum Opfer fallen wie die in dem Hafen vorhandene, wichtige „Tirpitzmole“. Der Name „Tirpitz“ geht auf Alfred von Tirpitz zurück, 1849 geboren und 1930 verstorben, der, als Chefstratege und späterer Großadmiral, als so etwas wie der geistige Vater der Hochseeflotte der Kaiserlichen Marine gilt.
Ein Ersatz für „Tirpitz“ steht bereits fest: So wird der Marinestützpunkt in Kiel – sollte es zur Umsetzung kommen – künftig Oskar Kusch Hafen heißen. Der Name leitet sich von einem Seeoffizier und U-Boot-Kommandanten der Kriegsmarine ab, der in den letzten Tagen des Krieges als Folge einer Denunziation wegen „Wehrkraftzersetzung“ in Kiel hingerichtet wurde. Die Deutsche Marine räumt dem Namen „Kusch“ heute einen hohen Stellenwert ein und ordnet ihn in dem großen Thema „Widerstand gegen das Nazi-Regime“ ein. Aus der „Tirpitzmole“, die gemeinsam mit der „Scheermole“ eine Art Molen-Einfassung des Marinestützpunktes darstellt, soll dann die „Brandtaucher“-Mole werden. Der Name geht auf das erste deutsche U-Boot, den „Brandtaucher“ des Ingenieurs Wilhelm Bauer zurück. Das Boot sank 1850 bei seiner Erprobungsfahrt in der Kieler Förde.
Doch über die genannten Namen hinaus finden sich nur im Kieler Marinestützpunkt noch weitere Namen, die auf die „Blacklist“ gesetzt werden könnten. Sie sind zum Beispiel der „Weddingen“- oder „Saltzwedel“-Brücke zugeordnet, an den kleinere Marinefahrzeuge seit Jahr und Tag anlegen.
Eine wichtiges Wort in diesem Namensprozess hat auch der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Andreas Krause, mitzusprechen.
Den Stein ins Rollen hatte „Die Linke“ in einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung gemacht. Ihr ging es dabei um den Sachstand zur Umsetzung der in der Ära von Ex-Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in Auftrag gegebenen Änderung des Traditionserlasses der Bundeswehr.
Jan Korte, Parlamentarischer Geschäftsführer der Linken-Bundestagsfraktion, zeigte sich am Mittwoch dieser Woche in Berlin nur bedingt zufrieden mit den angestrebten Umbenennungen nach jahrelangen Bemühungen: „Es ist eigentlich unfassbar, dass die Marine erst jetzt die Kraft findet, sich von den Antidemokraten Scheer und Tirpitz zu trennen.“
Die letzte große Anpassungsaktion der jüngeren Geschichte der Deutschen Marine erfolgte im Zuge der deutschen Wiedervereinigung. Namen, die in der ehemaligen DDR-Volksmarine (VM), jahrzehntelang Bestand hatten, verschwanden für immer: So wurde zum Beispiel aus dem VM-Segelschiff „Wilhelm Pieck“ die heutige „Greif“. Auch die Bezeichnung für ehemalige Offiziershochschule der VM, „Karl Liebknecht“, verschwand für immer in der Versenkung. EHA/dpa
