Hintergrund: Umweltschützer hadern mit Ausbau

Vor allem die Routen von Zugvögeln werden durch die Windparks spürbar eingeengt, Foto: Audubon
Strom aus Windkraft gilt als „grüne“ Energie. Aber die Anlagen weit vor der Küste bringen auch ökologische Belastungen mit sich, wie von Umweltschützern kritisiert wird.
Es ist eine ambivalente Situation für die Umweltschutzverbände in Deutschland. Die Entscheidung der deutschen Bundesregierung nach der Reaktorka tas trophe von Fukushima, aus der Atomenergie-Erzeugung vergleichsweise kurzfristig auszusteigen, stieß auf einhelligen Beifall. Schnell war klar, dass Deutschland die Energiewende vor allem durch die Förderung von alternativer Energieerzeugung erreichen möchte: Solarenergie, Wasserkraft und Pumpspeicherkraftwerke sowie natürlich Windenergie on- und offshore. Mittlerweile ist aber auch klar: Errichtung und Betrieb bringen erhebliche Auswirkungen auf die maritime Fauna mit sich, die erst im Laufe der Zeit durch Studien untermauert wurden. Hauptsächlich betroffen sind Meeressäuger und Vögel.
„Insbesondere der Unterwasserlärm beim Bau der Anlagen wird zur unberechenbaren Belastung für die ohnehin überstrapazierte Nord- und Ostsee“, sagt Dr. Kim Cornelius Detloff vom Naturschutzbund Deutschland (NABU). „Nur durch eine umsichtige Raumplanung und mehr technische Innovation lässt sich die Energiewende auf See naturverträglich gestalten“, so der Leiter der Abteilung Meeresschutz beim NABU.
Während der Bauphase ist es insbesondere die intensive Schallbelastung beim Rammen der Fundamente, die zum Problem wird. Der Lärm kann Schweinswale und Fische verletzen oder sie aus wichtigen Lebensräumen vertreiben. Aber auch See- und Zugvögel werden beeinträchtigt. Ihre Migrationsrouten werden durch die Windkraftwerke zerschnitten, wichtige Rast- und Nahrungsgebiete gehen verloren, und es drohen Kollisionen mit den Rotoren der Turbinen. So werden Windparks, die an ungünstigen Orten gebaut wurden, zum kaum überwindbaren Hindernis.
„Umwelt darf nicht leiden“
„Der Ausbau der Offshore-Windenergie ist dringend notwendig, um dem Klimawandel zu begegnen“, sagt Thilo Maack von Greenpeace. „Aber das darf nicht auf Kosten des Umwelt- und Artenschutzes geschehen.“ Die Welt der Schweinswale besteht aus Tönen – Unterwasserlärm stört ihre Verständigung untereinander, ihr Jagdverhalten. Gruppen können so unwiederbringlich voneinander getrennt werden. Der Lärm der Windparkbaustellen beeinträchtigt also massiv ihren Lebensraum.
Um den Schutz der Meeressäuger zu gewährleisten, gibt es einen Grenzwert für Unterwasserlärm, den das Umweltbundesamt festgelegt hat. Aber den halten die Ingenieure zurzeit nicht ein.
Die Projektmanagerin und Biologin des Windparkprojekts „Bard Offshore 1“, Susanne Schorcht, räumt ein: „Bei den Bauarbeiten haben wir Lärmwerte von 178 Dezibel (dB) SEL im Abstand von 750 Metern gemessen.“ Der Grenzwert des Umweltbundesamtes aber erlaubt nur 160 dB SEL, wobei SEL für „Schallexpositionspegel“ steht. Dieser ermöglicht eine Aussage über die Wucht eines Schallereignisses, die das Tier erreicht.
Die Industrie ist bestrebt, das Problem zu lösen. Abhilfe soll der „Big Bubble Curtain“ bringen. Dabei handelt es sich um einen Vorhang aus Luftblasen, der während der Rammarbeiten unter Wasser erzeugt wird und die Verbreitung des Lärms einschränken soll.
Doch auch über Wasser gefährden die Windkraftanlagen Tiere. Die Auswirkungen auf Rast- und Zugvögel werden schon länger erforscht. „Es gibt vor allem zwei negative Aspekte: der Verlust von Lebensraum und die Kollisionsgefahr“, erklärt Ommo Hüppop vom Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven. Gerade empfindliche Arten wie Sterntaucher und Trauerenten meiden die Anlagen, wodurch ihr Lebensraum eingeschränkt wird. Aber auch weniger sensible Vögel wie Seeschwalben und Möwen haben mit den Windrädern ihre Probleme.
Gerade bei schlechter Sicht nehmen sie die Rotorblätter nicht immer rechtzeitig wahr und können mit ihnen kollidieren. „Ziehende Vögel werden durch die Sicherheitsbeleuchtung angezogen und geraten so in die Reichweite der Rotorblätter“, sagt der Ornithologe. Gefunden werden die getöteten Vögel auf See kaum. „Unsere Beobachtungen auf der Forschungsplattform FINO1 belegen die Gefahr“, sagt Hüppop.
Ausweichmanöver kosten die Tiere zudem Energie. Sei es nun beim Überfliegen gegen eine stärkere Luftströmung oder beim Umfliegen mit einer weiteren Strecke. Erste Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen wurden bereits gezogen. „Wir haben unter anderem empfohlen, Offshore-Windkraftanlagen nur küstenfern und abseits von Zugrouten zu bauen. Außerdem sollten Durchflugkorridore beachtet werden“, sagt er.
Gehör haben die Forscher beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie gefunden. Bauanträge für Windparks in der Ostsee wurden bereits mit Rücksicht auf wichtige Rastgebiete gefährdeter Arten abgelehnt.
Freude herrscht dagegen bei so manchem Meeresbiologen: An den Fundamenten siedeln sich Pflanzen, Algen, Muscheln, Krebse und Seesterne an. Wie sicher ihr neuer Lebensraum ist, muss die weitere Forschung zeigen. Erste Studien untersuchen mittlerweile die Auswirkungen der Korrosion der unterseeischen Fundamente auf Flora, Fauna und Wasserqualität.
Auch wenn eine Umweltgefährdung nicht komplett ausgeschlossen werden kann, werden durch die Genehmigungsrichtlinien des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie die ökologischen Auswirkungen doch so gering wie möglich gehalten.