Gabriel: EU-Kraftakt gegen Flüchtlingssterben notwendig
Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) mahnt die Europäische Union zu einem gemeinsamen Kraftakt, um die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer zu stoppen. Entwicklungshilfeminister Müller macht sich unterdessen für eine verbesserte Seenotrettung stark.
"Die Staats- und Regierungschefs müssen am Donnerstag die gleiche Entschlossenheit zeigen, die sie bei der Bewältigung der Finanzkrise demonstriert haben", sagte der SPD-Vorsitzende am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Es geht jetzt nicht um den Schutz der europäischen Außengrenzen, sondern um die Rettung von Menschenleben." Man brauche eine umfassende Marine-Operation, um die Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu bewahren, forderte Gabriel.
Zudem müsse in den Abfahrtsländern der Schutz "vor skrupellosen Schleusern und Menschenhändlern" verstärkt werden. "Die menschliche Katastrophe auf dem Mittelmeer ist eine Angelegenheit von ganz Europa, nicht nur moralisch, sondern auch politisch."
Die EU könnte als ersten Schritt die Seenothilfe ausweiten. Die Außen- und Innenminister brachten am Montag Pläne für eine Verdoppelung der Mittel für die EU-Programme "Triton" und "Poseidon" auf den Weg. Dies soll den Einsatz von mehr Schiffen ermöglichen. Die Pläne sollen am Donnerstag dem Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs vorgelegt werden. Vorgesehen ist auch das gezielte Beschlagnahmen oder Zerstören von Schlepperschiffen.
Müller für Hilfen vor Ort
Angesichts von immer mehr Flüchtlingstoten auf dem Mittelmeer hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ein Sofortprogramm der EU in Höhe von zehn Milliarden Euro gefordert. "Mit dem Geld müssen wir dann auch in den Fluchtländern konkret handeln. Und zwar mit einem Wirtschafts- und Stabilisierungsprogramm", sagte Müller der "Saarbrücker Zeitung". Dabei müsse es besonders um Libyen gehen.
"Die EU muss einen Sondergesandten entsenden zur Unterstützung der UN-Initiative vor Ort", sagte Müller. Notwendig sei eine diplomatische Offensive zur Befriedung des Landes, aber auch um den Aufbau von staatlichen Strukturen oder die Bekämpfung der Schleuserbanden. "Wenn das, was ich genannt habe, auch konkret umgesetzt wird, werden wir im Kampf gegen die Schleuserbanden klar vorankommen. Dafür müssen wir aber vor Ort mehr Präsenz zeigen", betonte Müller.
Darüber hinaus verlangte der Minister ein EU-Gesamtkonzept zur Rettung, Aufnahme und Verteilung der Flüchtlinge. "Wenn es eine Gemeinschaftsaufgabe der Europäischen Union gibt, dann doch jetzt diese."
Wiederaufnahme von "Mare Nostrum"
Angesichts der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer plädierte Müller für die Wiederauflage des eingestellten Seenotrettungsprogramms "Mare Nostrum". Dieses großflächige italienische Programm war von dem enger gefassten EU-Programm "Triton" abgelöst worden. Müller sagte der "Bild"-Zeitung: "Wir brauchen eine sofortige Wiederaufnahme von 'Mare Nostrum' und ein Gesamtkonzept zur Aufnahme und Verteilung der Flüchtlinge, an dem sich alle 28 EU-Staaten beteiligen." Er fügte hinzu: "Die ist eine Bewährungsprobe für die europäische Handlungsfähigkeit."
Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, sprach sich dafür aus, die Flucht nach Europa zu erleichtern. "Wir müssen den afrikanischen Flüchtlingen legale Wege aufzeigen, um das Mittelmeer zu überqueren", sagte er der Zeitung. dpa
Trotz der lebensgefährlichen Fahrt über das Mittelmeer wagen viele Tausend Menschen die Flucht nach Europa. Zahlen und Fakten:
- 219.000 Menschen flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000
- 3500 Menschen kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600
- 170.100 Flüchtlinge erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern
- 66.700 Syrer registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9800 aus Mali
- 191.000 Flüchtlinge stellten 2014 in der EU einen Asylantrag (dabei wird nicht unterschieden, auf welchem Weg die Flüchtlinge nach Europa kamen). Das sind EU-weit 1,2 Asylbewerber pro tausend Einwohner
- 123.000 Syrer beantragten 2014 in der EU Asyl (2013: 50.000)
- 202.700 Asylbewerber wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent)
- Mit 8,4 Bewerbern pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5)