Harter Marine-Einsatz - Von der Leyen bei den Flüchtlingsrettern
Die Fregatte "Schleswig-Holstein" kreuzte gerade mal eine Woche vor der libyschen Küste, als sie das erste Flüchtlingsboot ortete. Zwölf Meter lang, drei Decks, mit etwa 550 Menschen hoffnungslos überfüllt.
"Die haben übereinander und untereinander gelegen", erzählt ein Oberstabsgefreiter, der bereits seit sieben Jahren zur Stammbesatzung gehört. Der 28-Jährige war fünfmal im Einsatz, hat Piraten am Horn von Afrika gejagt und den Waffenschmuggel vor der libanesischen Küste unterbunden. Aber so einen Einsatz ist vollkommen neu für ihn. "Das ist das anspruchsvollste, was wir je erlebt haben. Diese Situation kannte keiner von uns", sagt er.
Zehn Stunden dauerte es an diesem 15. Juni, bis die Flüchtlinge - darunter 120 Kinder - an Bord der "Schleswig-Holstein" waren. Einige Soldaten mussten ebenso lange in weißen Schutzanzügen ausharren, die gegen ansteckende Krankheiten getragen werden. Mehr als 50 Mal fuhren Schlauchboote hin und her. Darauf passen gerade einmal zehn Personen.
In einem dieser Schlauchboote wurde am Samstagmittag Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vom sizilianischen Catania auf das Kriegsschiff gebracht. Dass sie nur acht Wochen nach Beginn des Einsatzes hier auftaucht, verwundert nicht. Die Flüchtlingsrettung ist zurzeit wohl der wichtigste Einsatz der Bundeswehr.
Jeden Tag geht es aufs Neue um Menschenleben. 5700 haben die deutschen Schiffe im Mittelmeer schon gerettet - die "Schleswig-Holstein" alleine 1100 in nur einer Woche.
Auf der Fregatte werden sie auf dem Achterdeck untergebracht, das normalerweise als Hubschrauberlandeplatz dient. Einsatzleiter Thorsten Mathesius nennt sie "die Gäste". Sie werden in die italienischen Häfen Reggio Calabria oder Salerno gebracht. Dann beginnt die Suche aufs Neue.
Von der Leyen ist gekommen, um den Soldaten vor allem eins zu sagen: "Ich weiß, dass Deutschland stolz auf sie ist." Wohin dieser Einsatz noch führen wird, bleibt aber unklar. Kritiker sagen, die EU-Mission könnte sogar zu einer Zunahme der Schleuseraktivitäten führen. Schließlich würden auch die Chancen der Flüchtlinge steigen, wohlbehalten nach Europa zu gelangen.
Deswegen will die EU künftig nicht nur Flüchtlinge retten, sondern auch Schleuser bekämpfen. Um die Boote an der libyschen Küste aufzuspüren und zu zerstören sind aber die Zustimmung der libyschen Regierung und ein UN-Mandat notwendig. Da in Libyen Chaos herrscht und Russland ein Vetorecht im UN-Sicherheitsrat hat, ist gar nicht klar, ob es überhaupt einmal eine Rechtsgrundlage geben wird.
Und dann sind da noch die Hauptgründe für die Flucht aus Afrika, die ebenfalls nicht im Handstreich zu beseitigen sind: Armut und Perspektivlosigkeit. "Ich weiß, dass wir alle einen sehr langen Atem brauchen werden, um das Thema der Flüchtlingsursachen anzugehen", sagt von der Leyen den Soldaten an Bord der "Schleswig-Holstein".
Das dürfte unter dem Strich bedeuten, dass sich die deutschen Soldaten auf eine lange Mission einstellen müssen. Denn solange Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, wird die Europäische Union ihren Einsatz kaum beenden können. Auf der "Schleswig Holstein" macht schon das Wort vom "Endloseinsatz" die Runde.
Von der Leyen trifft bei ihrem kurzen Sizilien-Besuch aber nicht nur Soldaten. In einem Gebäude der Küstenwache von Catania kommt sie auch mit einigen von denen zusammen, die es aus Afrika nach Europa geschafft haben: Sechs Flüchtlinge aus Gambia, Eritrea, Algerien, Ghana und der Elfenbeinküste. Sie haben auf Sizilien Fuß gefasst, sind alle schon länger als ein Jahr dort.
Über die Umstände ihrer Flucht wollen sie gar nicht mehr so viel erzählen. Einer von ihnen sagt dazu lediglich: "Ich wurde gerettet." dpa