„Atair“ – feste Größe beim BSH

Die erste „Atair“, 1943 als Kriegsfischkutter gebaut, verrottet derzeit auf einer Werft in Hamburg-Oortkaten, Foto: Timo Jann

Die zweite „Atair“ (Baujahr 1962) sank 2015 nach einem Wassereinbruch vor Gotland. Bis 1987 war sie für das BSH im Einsatz, Foto: Behling

Diese „Atair“ ist das dritte Schiff mit dem Namen beim BSH. Sie wurde 1987 gebaut, der Nachfolger ist fast fertig, Foto: Wetjen
Wenn voraussichtlich im September die neue „Atair“ – der hellste Stern im Sternbild des Adlers – an das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) übergeben und in Dienst gestellt wird, dann setzt die Behörde mit dem Namen eine Tradition bei der Namensgebung ihrer Forschungsschiffe fort. Denn eigentlich ist es bereits die vierte „Atair“. Von 1948 bis 1962, von 1962 bis 1987 und von 1987 bis 2020 waren die drei Vorgängermodelle jeweils in Diensten des BSH unterwegs. Mit 24 Metern Länge hatte es einst angefangen – das neue Flaggschiff des BSH bringt es jetzt auf 75 Meter.
„Die neue Bugform ist tatsächlich ein Quantensprung. Das neue Schiff liegt damit sehr stabil in der See“, beschreibt Ulrich Klüber, der Kapitän der dritten „Atair“, die Entwicklung. Jetzt ist er auch bei den Tests dabei und wird die vierte „Atair“ künftig fahren. Klüber: „Beim Bug hatte es sehr viel Forschung mit Schleppversuchen an der Universität Potsdam gegeben.“ Er freut sich auf die dritte Testfahrt mit der neuen „Atair“. „Man hängt natürlich auch an der analogen Technik, aber die neuen Möglichkeiten hier an Bord sind klasse“, berichtete Klüber am Donnerstag im Gespräch mit dem THB direkt von Bord des Neubaus.
1942 hatte die Ernst Burmester Schiffswerft KG in Swinemünde einen 24 Meter langen und 6,40 Meter breiten Kriegsfischkutter (KFK) mit einem Tiefgang von 2,11 Meter gebaut. Die Werft war eine auf den Bau von Kriegsfischkuttern spezialisierte Tochter der berühmten Bremer Yacht- und Bootswerft Burmester. 1943 wurde das Schiff als Kriegsfischkutter 214 für die Hafenschutzflottille Kristiansand der deutschen Kriegsmarine in Dienst gestellt. Ab 1944 war sie unter dem Namen UJ 1770 als U-Boot-Jäger und 1945 in Stavanger in der Küstensicherung im Einsatz. Derartige Einsätze waren für die Besatzungen dieser hölzernen Kutter meistens ein Himmelfahrtskommando. Davon zeugen noch heute Wracks, die die Vermessungs-, Wracksuch- und Forschungsschiffe des BSH auf dem Grund von Nord- und Ostsee entdeckt haben. Am 21. Juli 1945 übergaben die Briten das Schiff nach der Kapitulation Deutschlands als Kriegsbeute an die Norweger. 1948 kam das Schiff nach Kiel zurück und wurde dann zur ersten „Atair“ des Bundes. Sieben Knoten betrug die Höchstgeschwindigkeit.
Bis 1962 fuhr die „Atair“ für das BSH, dann wurde Ersatz beschafft. Die zweite „Atair“ (31,85 Meter lang, 6,52 Meter breit) war schon zehn Knoten schnell. Das Schiff (IMO 7338339) wurde auf der Lübecker Schilting Werft gebaut und war bis 1987 für das BSH im Einsatz. Dann wurde sie durch die dritte „Atair“, schon 51,40 Meter lang und elf Knoten schnell, abgelöst. Gebaut wurde die Einheit auf der Kröger Werft in Schacht-Audorf. Kosten damals: 28 Millionen D-Mark. Das Schiff (IMO 8521426) steht noch heute in Diensten der Behörde.
Vor allem die erste und die zweite „Atair“ haben nach ihrer Zeit beim BSH eine wechselvolle Geschichte erlebt. So sank die 1962 gebaute und in der Zwischenzeit unter der Flagge von Mexico fahrende Einheit am 13. September 2015 vor Gotland. Das als Taucherschiff genutzte Schiff hatte plötzlich Wassereinbruch erlitten, Versuche, das Schiff leer zu pumpen, mussten aufgegeben werden. Seenotretter und Helikopter evakuierten die Crew. Der ehemalige KFK 214 steht derweil auf dem Trockenen. Unter dem Namen „Dinslaken“ war sie nach der Ausmusterung beim BSH zunächst als Fischkutter unterwegs. 1983 gehörte sie unter dem Namen „Motivation“ stillliegend einem Oldenburger. 1988 wurde das in „Georg“ umbenannte Schiff nach Hamburg verholt und aufgelegt, 1989 verschwand das Schiff aus dem Schiffsregister.
Vor 25 Jahren „strandete“ der Kriegsfischkutter schließlich auf dem Werftgelände am Hafen Oortkaten. Jetzt fristet sie auf einer Streuobstwiese am Oortkatenufer ein trauriges Dasein. Der Lack ist ab, Holzplanken sind vermodert, der Blick in den Rumpf von außen frei. An Deck sprießen Birken. „Das können Sie mitnehmen“, sagt die Grundstückseigentümerin.
1995 hatte ein Mann aus Bayern mit Liebe zur Schifffahrt die „Atair“ für 18.000 D-Mark gekauft. 1998 sollte sie grundüberholt und umgebaut Hamburg gen Türkei verlassen. Der Eigner wollte sie als Touristenschiff nutzen. Doch dann, so erzählt die Grundstücksbesitzerin, kam dem Bayer die Scheidung von seiner Frau dazwischen. Zurück blieb die „Atair“. Wieder verfiel das Schiff, der Bayer starb, die Hinterbliebenen schlugen das Erbe aus. Nun fordern die Behörden die Grundstückseigentümerin auf, das Wrack zu beseitigen. Doch das gestaltet sich schwierig. 30.000 Euro würde die Entsorgung wohl kosten. Und die Grundstückseigentümerin fühlt sich nicht zuständig. „Es kann im Seeschiffregister erst gelöscht werden, nachdem es verschrottet worden ist“, weiß die Frau, die von der Sache schon genervt ist. Sie geht davon aus, dass die allererste „Atair“ „irgendwann in sich zusammen fällt.“
2016 gab der Bund grünes Licht für die Planung eines modernen Neubaus. Den Zuschlag erhielt die Fassmer Werft in Berne. Die vierte „Atair“ wird 13 Knoten schnell fahren können. An Bord sind dann auch ein Barometer der ersten „Atair “, die Glocke und der Inklinometer der zweiten „Atair“ und sicher auch ein Bauteil der noch fahrenden „Atair“ von 1987. So werden 72 Jahre Schifffahrtsgeschichte unter einem traditionsreichen Namen vereint.
Klüber freut sich auf die Indienststellung der vierten „Atair“. „Sie ist optimal auf die Bedürfnisse unserer Wissenschaftler ausgelegt. So gute Bedingungen wie künftig hatten wir an Bord noch nie“, sagt der Kapitän. Die Forscher können ihr Equipment in Containern an Bord nehmen, was eine hohe Flexibilität ermöglicht. Und selbst die Winden für Untersuchungen unter Wasser können je nach Auftrag zugeladen werden. Bisher übernahm die „Atair“ zu je einem Drittel die Aufgaben Forschung, Vermessung und Wracksuche, künftig soll sich wegen der verbesserten Möglichkeiten für die Wissenschaft ein Forschungsschwerpunkt ausbilden.
Erstmals wird Klüber mit der neuesten „Atair“ in Zukunft auch mit einem LNG-Motor fahren. „LNG ist für uns eine total interessante, aber auch sehr anspruchsvolle Erfahrung“, so Klüber, der bei der Testfahrt ab Montag als Gast dabei ist. tja
