Radikalkur für Chinas Werftensektor

Auf Größe getrimmt: Für europäische Begriffe sind Chinas Werften riesig (Fotos: Stein Nilsen ABS (1), Arndt (1))

Stein Nilsen
Hinter dem chinesischen Schiffbausektor liegt ein schmerzhafter und tiefgreifender Strukturwandel, der noch nicht abgeschlossen ist.
Das war eine der Botschaften, die Stein Nilsen, Technical Advisor bei der US-Schiffsklassifikationsgesellschaft ABS, jetzt an die rund 30 Teilnehmer eines Fachseminars in Hamburg richtete. Die Veranstaltung „Chemical Tanker & Shipbuilding in China“ war durch die in der Elbestadt verankerte ABS-Nordeuropa-Organisation ausgerichtet worden.
Der Norweger Nilsen gilt als ausgesprochener Kenner des chinesischen Schiffbaumarktes, den er seit mehreren Jahren von Shanghai aus intensiv begleitet. Gab es im Vorkrisenjahr 2008 im Reich der Mitte noch rund 8000 Werftbetriebe unterschiedlicher Größe und schiffbautechnischer Qualifikation, deren Anzahl bis 2014 auf ungefähr 3000 Betriebe schrumpfte, so finden sich davon gerade für anspruchsvolle Reedereikunden aus dem Westen noch um die 100 Werften, die diese Bezeichnung rechtfertigen. Aus dieser Zahl wieder um sind es dann lediglich noch um die 40 Betriebe, die auf einer Art brancheninternen „Weißen Liste“ geführt werden und denen in- und ausländische Auftraggeber eine kompetente Entwicklungs-, Planungs- und Bauausführung zutrauen. Nilsen erinnerte daran, dass Schiffbau in China eine sehr lange Tradition hat. So entstanden bereits vor rund 600 Jahren Schiffe in einer Größe, wie man sie im fernen Europa so nicht fertigen konnte. Der chinesische Werftensektor der Gegenwart expandierte bis zur vollen Entfaltung der Schifffahrtskrise über viele Jahre hinweg in einem eher ungesunden Ausmaß. Vor allem der Mangel an qualifizierten Facharbeitern führte immer wieder dazu, dass Werften Aufträge nur mit teilweise großer Unpünktlichkeit ablieferten, weil ihnen zwischendurch Teile der Belegschaft abhanden gekommen waren. Der Mangel an qualifizierten Schiffbauern führte über Jahre hinweg dazu, dass die zu kleine Zahl guter Fachkräfte durch eine ausgeprägte Wanderungsbereitschaft geprägt war, die für sich das jeweils beste Gehalt herausschlagen wollten.
An diesem, das Nervenkostüm gerade westlicher Kunden belastenden Phänomen habe sich indes viel geändert. Die für europäische Verhältnisse zum Teil extrem großen Schiffbauunternehmen des Werften-Kerns präsentierten sich als besonders leistungsstark und auch termintreu und beschäftigten gut qualifizierte Stammbelegschaften.
Chemietanker im Fokus
Im besonderen Fokus der chinesischen Werften stehen derzeit technisch anspruchsvolle Chemietanker in der bevorzugten Größenordnung zwischen 6000 und 13.000 tdw, während andere Schiffstypen, wie zum Beispiel Bulker, Schwergutfrachter oder auch Offshore-Versorger, weniger Beachtung finden.
Ein wichtiger Grund für diese Entwicklung: Bei Chemie- und Produktentankern verlangt die verladende Wirtschaft immer expliziter in entsprechenden Charterverträgen den Einsatz junger Tonnage. Was der ehemalige Kapitän Nilsen so beschreibt: „Wir reden derzeit über ein Höchstalter von 15 Jahren für solche Tanker.“ Der Bau dieser Tonnage erfordere solides schiffbautechnisches Knowhow. Verschiedene Werften seien inzwischen dazu übergegangen, Standardprodukte zu entwickeln, die – durch den Serienfertigungscharakter – auch zu interessanten Preisen kontraktiert werden könnten. Dabei böten verschiedene chinesische Werften inzwischen interessante Paketlösungen, wie zum Beispiel eine maßgeschneiderte Finanzierung oder auch eine Art Miet-Kauf-Konstrukt. EHA
