Schwere Vorwürfe gegen den Kapitän
Die Zahl der Toten nach der Havarie der „Costa Concordia“ ist weiter gestiegen – gegen den Kapitän gibt es neue schwere Vorwürfe.
Noch werden 14 Passagiere vermisst, darunter zwölf Deutsche. Doch schlechtes Wetter macht die Arbeit am Wrack des Kreuzfahrtschiffes vor der toskanischen Insel Giglio zunehmend schwieriger. Die Suche nach Überlebenden in den Kabinen des 290 Meter langen Schiffes musste gestern zwischenzeitlich wegen stärkeren Seegangs unterbrochen werden.
Gegen den festgenommenen Kapitän werden schwerste Vorwürfe erhoben. Francesco Schettino soll das Schiff zu dicht an die Insel gelenkt und schon während der Evakuierung verlassen haben. Es war am Freitagabend mit mehr als 4200 Menschen an Bord gegen einen Felsen gelaufen, leckgeschlagen und schließlich auf die Seite gekippt. Am Sonntagabend ging auch der Eigner des Kreuzliners auf Distanz: „Die Route des Schiffs führte offenbar zu nahe an der Küste vorbei, wobei sich die Einschätzung des Kapitäns für einen Notfall nicht mit den von Costa vorgegebenen Standards deckte“, teilte Costa Crociere mit. Schweres menschliches Versagen seitens des Kapitäns könnte zu dem Schiffbruch geführt haben, hieß es. Auch nach Meinung der Kreuzfahrtgesellschaft European Cruiser Association (Eucras) hat der „absonderliche Kurs“ zum Unglück geführt: „Dieser Kurs hätte nie gesteuert werden dürfen.“
Einzelheiten zum Hergang des Unglücks erhofft man sich von der Auswertung der Blackbox des Schiffes, die Kommunikation auf der Brücke und Steuerbefehle aufzeichnet. Die Reederei geht nicht von technischen Problemen aus. Ein „menschlicher Fehler“ sei nicht zu bestreiten, bestätigte gestern Costa-Chef Pierluigi Foschi. Sein Unternehmen hatte sich zuvor deutlich von dem Kapitän distanziert. Das Vorgehen auf dem Schiff sei nicht nach den vorgegebenen Regeln erfolgt. Bisher habe auch nur einmal ein Costa-Schiff die Insel dichter passiert.
Der Kapitän soll mehrfach von der Küstenwache aufgefordert worden sein, wieder an Bord zu gehen, um die Evakuierung zu koordinieren. Dies habe er jedoch nicht getan. Auch einen Notruf soll es zunächst nicht gegeben haben. Ihm droht unter anderem ein Verfahren wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung. Berichten zufolge soll er das Schiff so dicht an die Insel herangesteuert haben, um Hafentouristen mit dem Horn zu grüßen. Bis auf 150 Meter ans Ufer soll das Schiff gefahren sein. Das hätten schon viele Schiffe so gemacht, sagte Giglios Bürgermeister Sergio Ortelli. „Trifft dies zu, dann hätte Costa eingreifen müssen“, kritisierte Eucras-Präsident Stefan Jaeger. „Wir haben die Navigationsdaten ausgewertet. Sie zeigen, dass das Schiff nicht geradeaus durch die Meerenge an der Insel vorbeisteuert, sondern direkt
auf die Insel zu.“ Scharfer Kritik sieht sich der Kapitän auch deshalb ausgesetzt, da er sehr früh das gekenterte Schiff verließ. Rechtlich ist dies nach Ansicht einiger Experten jedoch nicht problematisch. „Mir ist keine Rechtsquelle bekannt, die das Verweilen des Kapitäns an Bord bis zum letzten Moment vorschreibt“, erklärte Willi Wittig, Vizepräsident des Verbandes Deutscher Kapitäne und des Internationalen Kapitänsverbandes. Es sei eine persönliche Entscheidung des Kapitäns.
Mehrfach gab es Berichte über chaotische Zustände beim Evakuieren des havarierten Schiffes, was angesichts internationaler Vorschriften verwundert. Passagiere sprachen von „totalem Versagen“ und Unwissenheit der Besatzung. Costa hob derweil die Leistung der Besatzung bei der Rettung der Passagiere hervor.
Die Hannover Rück geht davon aus, dass die Havarie den Rückversicherer mit mindestens zehn Millionen Euro treffen wird. Für die Tourismusbranche ist ein möglicher Schaden noch nicht absehbar. Anders als der Eucras-Verband erwarten die Welttourismusorganisation (UNWTO) und der Deutsche Reiseverband kaum negative Auswirkungen für die Kreuzfahrtindustrie. Am Wachstumskurs werde sich infolge des Unglücks wenig ändern, sagte der UNWTO-Generalsekretär Taleb Rifai in Madrid. Die Aktien des Costa-Mutterkonzerns Carnival brachen hingegen in London um mehr als 16 Prozent ein. Das Unternehmen bezifferte den Schaden auf 85 bis 95 Millionen Dollar allein durch den Umsatzausfall im laufenden Jahr.