Fernsteuerung im Echtbetrieb ab 2020

Schiffe nicht mehr von einer Brücke aus steuern, sondern aus einem Kontrollraum an Land – dieses Szenario könnte bald schon in der Praxis umgesetzt werden.

„2020 wird es die ersten Einheiten im Echtbetrieb geben“, sagte Kevin Daffey vom Motorenhersteller Rolls-Royce jetzt bei einem Workshop des Verbands Deutscher Reeder (VDR) vor Journalisten.

Für eine autonome Schifffahrt spricht aus Sicht von Daffey, dass an Bord keine Besatzung mehr untergebracht werden müsse und dadurch mehr Platz für Ladung bestünde. Da dann auch keine lebenserhaltenden Systeme vorgehalten werden müssten, sinke der Energieverbrauch an Bord. Schiffe könnten dann wieder kleiner dimensioniert werden. Da laut einer Studie des Versicherungskonzerns Allianz 96 Prozent aller Unfälle auf See auf menschliche Fehler zurückzuführen seien, spiele der Sicherheitsaspekt eine Rolle. Auch das Piraterie-Problem lasse sich durch autonome Schiffe lösen, so Daffey.

Dem lässt sich entgegenhalten, dass Systeme für autonome Schifffahrt anfällig für Cyberangriffe sind. Schlagendes Argument dürfte für die Akteure deshalb vielmehr sein, dass sich die Kosten pro transportierter Tonne nach Berechnungen von Rolls-Royce um 22 Prozent senken lassen. Unklar bleibt jedoch, welche zusätzlichen Kosten möglichweise durch Cyberangriffe entstehen. Genau das ist ein Punkt, für den sich insbesondere die Versicherungen interessieren.

In jedem Fall bestehen bereits Modellversuche, um das Potenzial der autonomen Schifffahrt auszuloten. Rolls-Royce hat einen Schlepper im Hafen von Kopenhagen so ausgestattet, dass er sich von einem Kontrollraum an Land aus steuern lässt. Wettbewerber Wärtsilä arbeitet an einer ferngesteuerten Offshore-Supply-Einheit. Düngemittelhersteller Yara will mit Kongsberg 2018 das batteriebetriebene 100- bis 150-TEU-Schiff „Yara Birkeland“ in Fahrt bringen. Der Frachter soll zunächst noch mit Besatzung fahren, 2019 dann von Land aus ferngesteuert werden und 2020 das erste autonom fahrende und emissionsfreie Feederschiff werden.

Bis die neue Technik allerdings in größerem Umfang zum Einsatz kommt, dürfte es noch weit über 2020 hinaus dauern. „Die Skalierung braucht noch einige Zeit“, betonte Björn-Johan Vartdal, Programmdirektor Maritimer Transport bei der Klassifizierungsgesellschaft DNV GL. Auch Rolls-Royce selbst sieht in seinen Projektionen eine stufenweise Entwicklung. In drei Jahren werden demnach höchstens einige Fähren in lokalen Gewässern wie norwegischen Fjorden per Autopilot fahren. Ab 2025 sei die Fernsteuerung von Schiffen in Küstengewässern denkbar. Ab 2030 würden auch Hochseeschiffe ferngesteuert und ab 2035 sei an autonome Schifffahrt im großen Stil zu denken.

Für die deutschen Reeder ist die Entwicklung Herausforderung und Chance zugleich, sagte Nils Aden von E.R. Schifffahrt. Man dürfe die Entwicklung nicht ignorieren, sollte für grundlegende Tätigkeiten aber auch Erfahrungen im Schiffsmanagement nicht aus den Augen verlieren. Für Thorsten Meier von der Reederei Roth bedeutet das auch, dass Reedereien ihr Personal weiterbilden müssen. IT-Kenntnisse würden zur Schlüssel qualifikation.

Läuft die maritime Zukunft an Deutschland vorbei?

Die Digitalisierung spaltet die deutschen Reedereien in eine Branche mit zwei Geschwindigkeiten. Das zeigte die diesjährige PWC-Branchenbefragung (thb.info 25. Juli 2017). Während die Digitalisierung in den vergangenen fünf Jahren in der einen Hälfte der Unternehmen starke oder sogar sehr starke Veränderungen auslöste, sieht sich die andere Hälfte bislang weniger stark oder gar nicht betroffen. Die diskutierten Zukunftsszenarien würden an den eigentlichen Themen der Reeder vorbeigehen, war seitens der Befragten zu hören. „Mehrfach wurde zu Protokoll gegeben, die meisten Kollegen stünden mehr oder weniger mit dem Rücken zur Wand. Es sei keine Bankenfinanzierung zu bekommen, etliche Landesbanken fielen fast komplett aus, selbst kleinere Volksbanken, die Finanzierungen machten, würden von der Bafin extrem supervidiert“, fasste PWC entsprechende Resonanz zusammen. „Reedereisterben, Abwicklungen, Insolvenzanträge“, das stünde vielfach auf der Tagesordnung. Die Flotten seien oft überaltert, aber es gebe keinen grundsätzlichen Bedarf für Neubauten, „allenfalls singulär“. Offenbar wurden Teilnehmer der PWC-Studie zumindest vereinzelt mit Fragen konfrontiert, die sie sich zuvor nie gestellten hatten. So stellte PWC im Nachwort der Studie fest: „Die Industrie-4.0-Themen sind für eine Reihe von Branchenvertretern sehr weit weg, schlicht irrelevant und es gibt wesentlich drängendere Themen. Das muss man ernst nehmen. Formulierte man aber demnach die Headline salopp so: ‚Deutsche Reeder haben derzeit andere Sorgen als Digitalisierung‘, würde man dennoch der Stimmungslage größerer Teile der Reederschaft nicht gerecht.“ fab/sr

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