Maritime Energiewende aus dem Binnenland

Schnell, sauber und leise: Die mit MAN-Antriebstechnik ausgerüsteten Katamaran-Fähren „Fridolin“ und „Ferdinand“ an ihrem Anleger in Friedrichshafen , Foto: Katamaran-Reederei Bodensee
Für die hohe internationale Reputation der deutschen Schiffbauzuliefererindustrie dank Top-Produkten und Spitzenqualität wird durch eine Vielzahl von Unternehmen, vor allem Mittelständler, repräsentiert. Bemerkenswert: Viele von ihnen sind im Süden, aber auch im Westen Deutschlands beheimatet.
Genau das wird auf der 11. NMK in Friedrichshafen klar herausgearbeitet. Zwei Beispiele seien genannt, bei denen es im Kerngeschäft um Motoren- und Antriebstechnik geht. Das Unternehmen MTU, in Friedrichshafen beheimatet, ist ein solcher Technologie-Champion. Es ist Teil des Rolls-Royce-Geschäftsbereiches Power Systems. Etwa 30 Prozent des MTU-Umsatzes stammen aus dem Verkauf von Motoren, Antriebsystemen, Schiffsautomationssystemen und Dienstleistungen für Yachten, Fähren, Hochgeschwindigkeitsfähren, Versorgungsschiffe sowie Boote und Fahrzeuge für öffentliche Auftraggeber. Konkret: 2018 waren es rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz, die mit diesen Erzeugnissen erwirtschaftet wurden. „Damit ist Rolls- Royce Power Systems der größte Zulieferer Deutschlands für die maritime Industrie“, erklärt die Konzernmutter selbstbewusst. „Produkte und Services für die maritime Industrie bilden neben stationären Energieanlagen eine unserer strategischen Säulen“, präzisiert Andreas Schell, Vorstandsvorsitzender von Rolls-Royce Power Systems in Friedrichshafen. So gut wie alle Marinemotoren der Power-Systems-Kernmarke MTU werden hier hergestellt und an Kunden auf der ganzen Welt geliefert. 90 Prozent der Produkte werden direkt oder indirekt exportiert.
Die MTU-Ingenieure beschäftigen sich mit vielen Aufgaben. Eine steht jedoch ganz oben: Es geht ihnen um das, was gerne mit der Formulierung „Dekarbonisierung des Antriebs“ umschrieben wird. „Unsere Antriebe sollen immer weniger Kohlendioxid ausstoßen, also immer klimaneutraler werden“, unterstreicht Dr. Daniel Chatterjee. Er leitet das sogenannte „Green- und High-Tech-Programm“. Den Ausstoß von weniger Schadstoffen wie Partikeln und Stickoxiden erreichen die Entwickler bereits heute, zum Beispiel dank optimierter Verbrennung sowie des Einsatzes von Filtern oder Katalysatoren für Dieselmotoren. Gleichzeitig stehen die ersten mobilen MTU-Gasmotoren für den Schiffsbetrieb vor ihrem ersten Einsatz, und zwar sowohl im Wattenmeer der Nordsee als auch, gewissermaßen vor der Werkshaustür, auf dem Bodensee. Die wichtigen Vorteile dieser Aggregate: Sie unterschreiten, so das Unternehmen weiter, „die Grenzwerte aktueller Emissionsrichtlinien (IMO III) bereits ohne Abgasnachbehandlung erheblich“. Die sogenannte Partikelmasse beispielweise liege heute schon „unter der Nachweisgrenze. Sie stoßen keine Schwefeloxide aus und nur geringe Mengen an Stickoxiden“, so das Unternehmen.
Doch es geht weiter: Die Technik, die den Ausstoß des Klimagases CO2 weiter reduzieren wird, stehe nämlich bereits in den Startlöchern: Es handelt sich dabei um ein MTU-Hybridsystem für Yachten und Seeschiffe und soll nach jetzigem Planungsstand 2020 erstmals eine Hochseeyacht antreiben. Das System kombiniert Dieselmotoren mit Elektromotoren und Batteriespeichern. Die digitale Erfassung, Übermittlung und Analyse von Betriebsdaten des Antriebssystems hilft, Antriebsanlagen möglichst treibstoffsparend und umweltfreundlich zu betreiben. Dabei muss der Treibstoff nicht zwangsläufig fossilen Ursprungs sein. Die Techniker von Rolls-Royce Power Systems erforschen nämlich im Rahmen des Projektes „Meth quest“, hinter dem das Bundeswirtschaftsministerium steht, gemeinsam mit weiteren Projektpartnern Technologien, durch die methanbasierte Kraftstoffe aus erneuerbaren Quellen gewonnen, in mobilen und stationären Anwendungen genutzt und schnell in den Markt eingeführt werden können. „Wenn das mit vertretbarem Aufwand gelingt, wäre das ein großer Schritt in Richtung eines klimaneutralen Antriebs“, ist Dr. Martin Teigeler, MTU-Entwicklungsleiter bei Rolls-Royce Power Systems, überzeugt. „Auch Brennstoffzellen in maritimen Antrieben schließen wir nicht aus.“
Um Großes in Sachen Antriebstechnik geht es auch in Augsburg, dem Stammsitz von MAN. Der Traditionskonzern hat gewissermaßen die Antriebstechnik in seiner DNA. Das Unternehmen ist ein geschätzter und anerkannter Systempartner für Reedereien und Werften. Ein aktuelles Beispiel: Für die deutsch-schwedische Fährreederei TT-Line, die derzeit auf der chinesischen Jinling Shipyard zwei 230 Meter lange RoPax-Schiffe bauen lässt, entstehen jetzt vier MAN 51/60DF-Motoren. Die Schiffe werden mit einem kompletten MAN Antriebspaket ausgerüstet. Es umfasst neben den Motoren mit Propellern auch ein Kraftstoff-Gas-Versorgungssystem (FGSS) und das HyProp-ECO-System. Dabei handelt es sich um einen kraftstoffsparenden Hybridantrieb von MAN.
Die Neubauten entstehen als Teil des „Green-Ship-Konzepts“. Der Kopenhagener Schiffsdesigner OSK-Shiptech hat es in Zusammenarbeit mit der Traditionsreederei entwickelt, die zu den führenden Fährverkehrsoperateuren in der Ostsee gehört. Die Schiffe sollen nach der Lieferung im Jahr 2022 voraussichtlich im Streckennetz der TT-Line auf der Ostsee eingesetzt werden. Sie werden mit LNG betrieben. Lex Nijsen, Leiter Four-Stroke Marine Sales bei MAN Energy Solutions, betont: „Unser mit LNG betriebenes Antriebspaket wird es diesem Schiff ermöglichen, mit so niedrigen Emissionen zu fahren, dass es die umweltfreundlichste RoPax-Fähre der Ostsee wird. Unser Geschäft basiert zu einem großen Teil darauf, Systeme wie dieses anzubieten.“
Auch beim Augsburger Technologiekonzern gehen die Pläne für neue, saubere Antriebe weiter: Der Reederei-Auftrag sei Teil der von MAN Energy Solutions vorangetriebenen Initiative „Maritime Energiewende“. Unter dieser Formulierung fasst das Unternehmen die verschiedenen Aktivitäten zur Unterstützung einer klimaneutralen Schifffahrt zusammen.
Ein Impulsgeber für die Wortschöpfung ist dabei die deutsche Energiewende auf dem Strommarkt. Ein wichtiges Etappenziel heißt dabei: Emissionsverringerung in der Schifffahrt durch den Einsatz von Erdgas als bevorzugtem Brennstoff. EHA
