1000 Tage auf den Weltmeeren

Die „Polarstern“ im Weddell-Meer – Hempel hatte sich für den Bau des Forschungseisbrechers eingesetzt, Foto: AWI, Mario Hoppmann
Gotthilf Hempel hat nachgerechnet: Insgesamt tausend Tage war er mit Forschungsschiffen auf den Weltmeeren unterwegs – annähernd drei Jahre. Immer wieder stach er für mehrwöchige Expeditionen in See. Denn Hempel hat sein Leben der Meeres- und Polarforschung verschrieben. Dabei leistete er oft Pionierarbeit, gründete mehrere Forschungseinrichtungen in Bremerhaven, Bremen, Kiel und Rostock. Er arbeitete in Nord- und Ostsee, der Antarktis, der Arktis, in den Tropen. „Ich war Weltreisender“, sagt er. Erst mit Mitte 70 hörte er damit auf. „Das ist mir schwergefallen“, sagt Hempel.
Getrieben hat ihn stets seine wissenschaftliche Neugier, und die hält bis heute an. Am Freitag wird Professor Hempel 90. Noch sehr gut in Erinnerung hat er seinen 50. Geburtstag, den er auf dem Forschungsschiff „Meteor“ am Äquator verbrachte. An seinem 70. Ehrentag war er auf Expedition im Golf von Akaba im Nahen Osten und feierte an Bord zusammen mit Israelis, Palästinensern und Ägyptern.
Als er 1980 mit dem AWI in Bremerhaven die polare Meeresforschung in Deutschland etablierte, hatte er sich bereits international mit seiner Lehre und Forschung einen Namen gemacht. „In den 1980er Jahren gab es sehr wenig polare Meeresforschung. Der arktische Ozean war eine offene Grenze zwischen Amerika und Russland und damit praktisch gesperrt. Das Südpolarmeer war nur als Transportweg interessant“, sagt Hempel. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Kaum war er Direktor am AWI, gründete er auch das Institut für Polarökologie an der Kieler Universität. „Es gab einen starken politischen Willen, eine deutsche Polarforschung zu betreiben.“ Die Neumayer-Station in der Antarktis wurde eingeweiht und Hempel setzte sich dafür ein, den Forschungseisbrecher „Polarstern“ zu bauen.
An seine erste Reise in die Antarktis kann sich Hempel noch gut erinnern. „Als das Schiff aus der stürmischen See ins dichte Treibeis eindrang, war es plötzlich ganz ruhig, wir hörten nur das Knacken und Brechen des Eises“, erzählt er. Nach langen Tagen im Packeis legte das Schiff an einem Tafeleisberg zur „Eisbergparty“ an. Auch wenn der Spaß auf den Expeditionen nie zu kurz kam, wurde vor allem gearbeitet. „Wir haben schon über den Klimawandel und die Vermüllung der Meere geforscht und berichtet, als es die Wörter dafür noch gar nicht gab“, sagt Hempel.
Nach einem Jahrzehnt in der Polarforschung weitete er sein Forschungsgebiet auf wärmere Gefilde aus. Kurz hintereinander gründete er das Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) in Bremen und das Institut für Ostseeforschung in Rostock. Die heutige AWI-Direktorin Antje Boetius lernte Hempel bereits als Studentin kennen. „Durch sein Engagement forschen wir heute auf internationalem Niveau von den Polarregionen bis zu den Tropen, von der Atmosphäre bis in die Tiefsee“, betont sie.
Seine Expertise ist noch heute gefragt. Er gibt Bücher über biologische Meeresforschung heraus und moderiert einmal im Monat einen wissenschaftlichen Gesprächskreis am ZMT in Bremen. Sein Anliegen ist es, Wissenschaft auch für interessierte Laien verständlich zu machen. lni/fab
