Erstmals LNG-Umschlag in Brunsbüttel

Brunsbüttel: Erste Direktverladung aus einem LNG-Tank-Lkw in einen Spezialwaggon, Foto: Arndt

Rund 120 Gäste aus der Verkehrs- und Energiewirtschaft, der Industrie sowie Verwaltung und Politik wohnten der Veranstaltung in Brunsbüttel bei, Fotos: Arndt

Frank Schnabel
Der Hafen Brunsbüttel hat einen weiteren Meilenstein auf dem Weg hin zu einer potenziellen LNG-Drehscheibe für Deutschland gesetzt.
In Anwesenheit von rund 120 Gästen aus der Verkehrs- und Energiewirtschaft, der Industrie sowie Verwaltung und Politik erfolgte am Montag im Elbehafen die erste Direktverladung aus einem LNG-Tank-Lkw in einen Spezialwaggon für Flüssigerdgastransporte in Deutschland. Projektbeteiligte waren neben dem Hafen Brunsbüttel auch das Eisenbahn-Logistik-Unternehmen VTG, die Primagas Energie GmbH & Co. KG und Primagas Energie.
Die Entscheidung für den Unterelbehafen sei „kein Zufall gewesen“, betonte Frank Schnabel, Chef der mittelständischen Hafen-, Logistik- und Schifffahrtsgruppe Schramm Group. Die auf dem Kai erfolgende Direktverladung Lkw/Waggon sei zugleich ein weiterer technischer Höhepunkt in der im Januar 2015 besiegelten Kooperation zwischen dem Hafen Brunsbüttel und dem VTG-Konzern auf dem Gebiet der LNG-Logistik. Nach dem Premiere-„Roll-out“ des rund 100 Kubikmeter LNG fassenden Spezialwaggons auf der Logistikfachmesse in München im Mai 2015 und der reinen Funktions-Präsentation des 25 Meter langen Fahrzeugs in Brunsbüttel im vergangenen Herbst war die Veranstaltung am Montag der vorläufige Höhepunkt in der LNG-Einführung in Deutschland.
Der Außenpräsentation voran ging eine Fachtagung, auf der Vertreter aus Wirtschaft und Politik zu den Perspektiven der Flüssigerdgas-Technologie in Deutschland Stellung bezogen. Dabei wirkte die Forderung von Dithmarschens Landrat Dr. Jörn Klimant bereits wie das Leitmotiv für die Veranstaltung. Klimant wörtlich: „Wir brauchen beim Thema LNG Dampf auf dem Kessel.“
Norbert Brackmann, CDU-Bundestagsabgeordneter und Obmann der CDU-CSU-Bundestagsfraktion im Haushaltsausschuss, betonte, dass die Bundesregierung als Ganzes dem Thema „LNG“ einen wachsenden Stellenwert einräume. Dabei geht es vor allem darum, Flüssigerdgas als weiteres Medium in die nationale Gasversorgung zu integrieren. Auch die Abhängigkeit von Russland als Deutschlands Hauptgasversorger soll in einem berechenbaren Rahmen gehalten werden – auch vor dem Hintergrund, dass wichtige Erdgasversorger, nämlich die Niederlande und Norwegen, in den kommenden Jahren ihre Liefermengen aufgrund schrumpfender Vorkommen reduzieren müssen.
LNG als alternativer Treibstoff für verschiedene Verkehrsträger soll ebenfalls eine wachsende Bedeutung erfahren. Um das zu ermöglichen, wird Berlin künftig im Rahmen von zwei Sonderförderprogrammen Gelder über mehrere Jahre hinweg zur Verfügung stellen. Bezuschusst werden beispielsweise Umrüstungen von Schiffen auf LNG-Antriebe und der Aufbau einer LNG-Versorgungsinfrastruktur in den Häfen, aber auch im Binnenland, etwa an Autobahnen mit hoher Relevanz für den inner europäischen Warenverkehr. Denn künftig könnten auch Lkw vermehrt mit LNG-Motoren unterwegs sein. Brackmann bezeichnete LNG als „einen Wettbewerbsfaktor für den Wirtschaftsstandort Deutschland“. Leider spiele Deutschland im europäischen Vergleich hier noch nicht in der ersten Liga. Brackmann: „Wir sind spät aufgestanden, aber wir müssen jetzt lernen, schneller zu laufen.“
Für Schleswig-Holsteins stellvertretenden Staatssekretär im Kieler Wirtschaftsministerium, Kurt-Christoph von Knobelsdorff, muss LNG in Deutschland so schnell wie möglich realisiert werden. Von Knobelsdorff: „Auf internationaler Ebene läuft die Entwicklung klar in Richtung LNG.“ Eine entsprechende LNG-orientierte Infrastruktur aufzubauen, sei eine der zentralen Aufgaben, die auch im Kontext der Energie wende zu sehen sei. Von Knobelsdorff wünscht sich hier mehr Tempo seitens der Bundesregierung.
Die Möglichkeiten des schienengeführten Flüssigerdgas-Transports erläuterte Sven Wellbrock, Leiter des Geschäftsfeldes Rail Europe von VTG. Der eigens dafür entwickelte Spezialkesselwaggon sei nicht nur der längste seiner Art in Europa, sondern auch in puncto Sicherheitstechnik absoluter „state of the art“. Neben dem Transport könne er für bis zu sechs Wochen auch als eine Art Mobillager genutzt werden. Der LNG-Waggon sei in der Hinterlandversorgung das ideale Massentransportmittel. Ein kompletter Ganzzug, bestehend aus 20 Waggons, könne bis zu 44 Lkw ersetzen. Der Waggon sei klar auf Europa zugeschnitten. VTG wird noch in diesem Jahr mit zwei skandinavischen Kunden entsprechende LNG-Versorgungskonzepte auf der Schiene abschließen.
Frank Schnabel, Chef des Hafens Brunsbüttels, verwies erneut auf die großen Standortvorteile des Hafens beim Thema „LNG“. Dabei setzt er auf ein Drei-Säulen-Konzept: die reine Schiffsversorgung, die Belieferung der im ChemCoast-Park konzentrierten, energieintensiven Industrie sowie einem Anlandepunkt von Erdgas. Seit fünf Jahren beschäftige sich das Unternehmen mit dem Themenkomplex und habe, wenn auch langsamer als zunächst geplant, bereits einiges erreicht. Schnabel warb erneut für Brunsbüttel als Standort für einen nationalen LNG-Import-Terminal. Als ideale Startgröße nannte er eine Anlage mit einer Kapazität von bis zu 190.000 Kubikmetern. LNG sei „als ein ressortübergreifendes Thema in Deutschland zu betrachten und entsprechend zu entwickeln“. EHA/fab
