Forscher nehmen Seeberge unter die Lupe

Seeberge, in der Höhe vergleichbar mit dem Matterhorn, bieten eine einzigartige Artenvielfalt und sind fast völlig unerforscht. An Bord der „Marion Dufresne“ hat jetzt eine Expedition begonnen.
Das Forschungsschiff, das nun von La Réunion im Indischen Ozean aus in See gestochen ist, bringt mehr als zwei Dutzend Wissenschaftler in eine unwirtliche Meeresregion, an ein 3000 Meter hohes Unterwassergebirge. „Diese Seeberge sind ein bisschen wie Oasen“, sagt Aurelie Spadone, Meeresforscherin und Projektmanagerin der Weltnaturschutzunion (IUCN). „Das Meer ist zwar nicht wie eine Wüste. Aber an diesen Bergen entwickeln sich ganz eigene, oft sehr artenreiche Ökosysteme.“ An Bord des 1995 gebauten Forschungsschiffes sind Wissenschaftler des französischen Museums für Naturgeschichte. Sie erforschen Wasserqualität, Salzgehalt, Fische, Quallen und andere Lebewesen.
Unterseeische Gebirge sind gigantische, zerklüftete Landschaften mit riesigen Plateaus, kilometertief abfallende Kliffs und steilen Hängen. Manche Gipfel sind rund 5000 Meter hoch und damit unmittelbar vergleichbar mit dem 4478 Meter hohen Matterhon. Schätzungsweise knacken mehr als 200.000 Unterwasserberge die 1000-Meter-Marke. Nur ein Bruchteil davon ist je untersucht worden. Drei Prozent, schätzt Spadone.
Denn viele liegen in so unwirtlichen Gegenden, dass Expeditionen kaum möglich sind. Dazu gehört etwa das Gebiet im Indischen Ozean, 2000 Kilometer südwestlich von Australien, in dem die 2014 mit 234 Menschen an Bord verschollene Malaysia-Airlines-Boeing MH370 vermutet wird. Trotz Spitzentechnologie und Unterwasserfahrzeugen war die Suche nach dem Wrack bisher vergeblich.
Die Ausfahrt mit der „Marion Dufrense“ geht hingegen an die Walters-Untiefen rund 800 Kilometer südlich von Madagaskar. Die Gipfel ragen dort bis zu 4750 Meter aus dem Meeresgrund. Das Besondere ist hier, dass manche Bergspitzen kaum 20 Meter unter der Meeresoberfläche liegen. Das Wasser ist etwa 15 Grad warm. So können Wissenschaftler mit normaler Ausrüstung in den Ozean tauchen und die Hänge untersuchen, auch wenn Hochseetauchen wegen der oft unberechenbaren Strömungen trotzdem gefährlich sein kann.
„Seeberge sind besonders interessant, weil sie anders als der meist mit Schlick bedeckte Meeresboden Fels, Geröll, Algen und oft Seetang haben und dort ganz andere Lebensgemeinschaft leben“, sagt Bernd Christiansen von der Universität Hamburg. „An den Seebergen entstehen auch spezielle Strömungen und Auftrieb, mit völlig anderer Nahrungsversorgung der Lebewesen.“
Plankton, Algen, Nesseltiere wie Korallen – das alles lockt kleine Fische an, die wiederum große Fische anlocken. „In solch entlegenen Ökosystemen gibt es oft einen ganz eigenen Artenpool“, erklärt auch Hauke Reuter vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen. „Der Austausch mit anderen Ökosystemen ist sehr begrenzt. Da kann man zu grundlegenden Erkenntnissen kommen, etwa wie spezifische Artengemeinschaften und Nahrungsnetze funktionieren.“ Unter den richtigen Bedingungen könnten womöglich einmalige evolutionäre Entwicklungen dokumentiert werden, so Reuter.
„Wie im Wilden Westen“
Die Expedition hat aber auch einen politischen Hintergrund. So wisse die Hochseefischerei um die reichen Fischgründe, die sich an den oberflächennahen Gipfeln befinden. Aber: „In diesen Ökosystemen gibt es Fische, die erst mit 30, 40 Jahren fortpflanzungsfähig sind“, erklärt Spadone. „Und es gibt Korallenbäume, die in 1000 Jahren nur anderthalb Meter groß geworden sind.“ Dieses Zeitlupentempo bedeute, dass eine Erholung praktisch unmöglich sei, wenn die Habitate einmal durch Schleppnetze zerstört oder die Zahl der Lebewesen durch Überfischung dezimiert seien.
Bei den Vereinten Nationen wird gerade über neue Regeln beraten, um das Seerechtsübereinkommen von 1994 zu stärken. Es bestimmt etwa, wie viele Kilometer Küstengewässer Länder als exklusive Wirtschaftszonen beanspruchen können. „Aber in den internationalen Gewässern ist es ein bisschen wie im Wilden Westen“, vergleicht Spadone. Jeder mache, was er wolle.
Im Sommer ist das nächste Expertentreffen in New York. Da will die IUCN mit den Expeditionsergebnissen belegen, wie einzigartig und deshalb schutzwürdig Seeberge sind. dpa/ger