Landstrom aus der Steckdose fließt später

Die Weltpilotanlage für die Landstromversorgung von Cruise-Linern in Altona, Foto: Arndt

Zu den technischen Besonderheiten gehört der Roboterarm mit den Bordanschlüssen. Dieser gleicht automatisch den Tidenhub aus, Foto: Arndt
Die Inbetriebnahme der neuen Landstromanlage für Passagierschiffe am Kreuzfahrtterminal Altona (Cruise Center 2, CC 2) verzögert sich.
Das bestätigte ein Sprecher der Hamburg Port Authority (HPA), in deren Auftrag die in dieser Form weltweit einzigartige Stromversorgungseinrichtung gebaut wird. Nachdem Ende November 2013 die Hamburger Bürgerschaft grünes Licht für den Bau der Anlage gegeben hatte und ein knappes Jahr später Richtfest für das technische Versorgungszentrum gefeiert werden konnte, sollte die Einrichtung eigentlich Mitte August dieses Jahres ihren Betrieb aufnehmen. Vorab, anlässlich der ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit stehenden Welthafenkonferenz Anfang Juni, hatte die HPA den ausländischen Fachbesuchern das stark automatisiert arbeitende System vorgestellt.
Zu den Besonderheiten gehört dabei der patentierte automatische, speziell für den Tidenhub ausgelegte fahrbare Roboterarm. Herzstück der Anlage ist ein sogenannter Frequenzumrichter mit Steuerungssoftware, der die Frequenz des örtlichen Verteilnetzes an die des Bordnetzes angleicht. Generalunternehmer für die Einrichtung ist der Siemens-Konzern. Die Gesamtanlage sollte nach ursprünglichen Planungen rund zehn Millionen Euro kosten. Aufgrund seiner Pionierfunktion unterstützt die EU-Kommission das Projekt mit gut 3,5 Millionen Euro.
Hamburg setzt bei der Landstromversorgung von Kreuzfahrtschiffen auf ein Drei-Säulen-Konzept. Neben der stationären Anlage am CC 2 stehen das mobile Versorgungssystem in Gestalt der LNG Power Barge „Hummel“ von Becker Marine Systems sowie die Vorausrüstung des neuen Kreuzfahrtterminals Steinwerder (CC 3) mit einer Erdgasdruckleitung zur Verfügung. Über sie können Schiffe künftig Erdgas beziehen, mit dem sich die Hilfsaggregate betreiben lassen. Die Hafenverwaltung will dann gemeinsam mit den Reedereien ermitteln, welche Technologie sich am besten für eine umweltfreundliche Stromerzeugung im Hafenbetrieb nutzen lässt. Im SPD-Grünen-Koalitionsvertrag ist zudem festgelegt, dass in einem Folgeschritt auch Containerschiffe mit sauberem Landstrom versorgt werden sollen. Auf Anfrage teilte die HPA dem THB mit, dass mit der Landstromanlage in Altona inzwischen „zahlreiche Tests der zentralen elektrischen Umrichtertechnik erfolgt sind“. Die dabei durchgeführten Messungen hätten ergeben, „dass noch weitere Anpassungen notwendig sind, um den einwandfreien Betrieb sicherzustellen“. Nach Abschluss dieser Maßnahmen und den abschließenden Lasttests werde die Landstromanlage „voraussichtlich im Herbst 2015 fertiggestellt“. Allerdings: Ihren konkreten Nutzen kann die Anlage erst im Frühjahr 2016 entfalten, wenn die neue Kreuzfahrtsaison beginnt, die dann auch Schiffe nach Hamburg bringt, die technisch so ausgelegt sind, dass sie die Landstromanlage nutzen können. Wie die HPA ergänzend mitteilte, „können grundsätzlich alle Schiffe, die landstromfähig sind und 11 und 6,6 kV haben, die Anlage in Altona nutzen“.
Indes fordert die Umweltorganisation NABU in ihrem jetzt vorgelegten „Kreuzfahrtranking 2015“ von den Cruise-Reedereien, noch mehr für die Luftreinhaltung der Schiffe zu tun. Es gebe weiterhin „noch zu wenig Schiffe mit umweltfreundlicher Abgastechnik“. Ausdrücklich lobt der Verband die erheblichen Investitionen der zum US-Carnivalkonzern gehörenden Reedereien AIDA Cruises und Costa. Hingegen wirft die Umweltorganisation „wesentlichen Marktgrößen wie Royal Caribbean und MSC“ eine „fortdauernde Verweigerungshaltung“ bei der Luftreinhaltung von Kreuzfahrtschiffen vor. NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller: „Die Branche befindet sich am Scheideweg, spätestens jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer heute noch die Investitionen in Abgastechnik und höherwertigen Kraftstoff scheut, handelt absolut fahrlässig.“
Der Cruise-Verband CLIA kritisiert allerdings den NABU für das dem Ranking zugrundeliegende Bewertungssystem, das so nicht „fair“ sei. Für die Kreuzfahrtbranche als Ganzes hätten „Nachhaltigkeit und Umweltschutz“ sehr wohl einen „hohen Stellenwert“, so Helge Grammerstorf, so National Director von CLIA Deutschland. EHA
Die Nachfrage ist gegeben: Cruise-Reedereien wollen mehr Landstrom

